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Wie einen, den seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten; ja, in Jerusalem sollt ihr getröstet werden!
Jesaja 66,13

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Die Kriminalisierung der Evangelikalen

Was in den Medien und durch Politik und Öffentlichkeit aktuell an massiver Kritik an Evangelikalen bzw. bibeltreuen Christen geübt wird, erweckt den Eindruck einer konzertierten Kampagne. Ein aktuelles Beispiel für eine solche Diffamierung ist das Buch „Mission Gottesreich: Fundamentalistische Christen in Deutschland“ von Oda Lambrecht und Christian Baars (Ch.Links Verlag Berlin, 2009). Thomas Schirrmacher hat dazu eine umfassende, aufklärende Rezension verfasst, die als --> PDF verfügbar ist. Wir dürfen wissen, dass der Herr Jesus seine Jünger dafür glückselig preist, dass Menschen „alles Böse lügnerisch über euch reden“. Die Reaktion von Christen soll sein: „Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln“ (Mt 5,11,12). Gleichwohl sollten wir zu unterscheiden wissen: Wo geht es um „christliche“ Entgleisungen, die vermieden werden müssen, weil sie zu Recht von der Welt kritisiert werden und weswegen „der Name Gottes unter den Nationen gelästert“ wird (Röm 2,24) – und wo zeigt sich einfach, dass das „Wort vom Kreuz Torheit ist für jene, die verloren gehen“ (1Kor 1,18)?

Zu Oda Lambrecht, Christian Baars. Mission Gottesreich: Fundamentalistische Christen in Deutschland. Ch.Links Verlag: Berlin, 2009

Es geht um viel!


Eigentlich könnte ich mich ruhig zurücklehnen und sagen, dass mich der größte Teil des Buches „Mission Gottesreich“ nicht betrifft. Ich bin kein Pfingstler (MG S. 17-60, 119-125 u. ö., oder bin ich als deutscher Professor vielleicht nur zu nüchtern?), kein Bonnke-Fan (MG 139-147) und kein Russlanddeutscher, ich sehe das Wohlstandsevangelium sehr skeptisch (MG 27-38, 180-181), ich teile die Israeleuphorie nicht und glaube nicht, dass das Erscheinen des Antichristen kurz bevorsteht (Kap. MG 147-161). Viele Evangelikale werden darauf verweisen, dass sie gegen christliche Privatschulen sind (MG 100-119), charismatische Teufelsaustreibungen (MG 17-24) ablehnen und den Kreationismus nicht teilen (MG 86-99). Die Partei Bibeltreuer Christen (MG 170-173) wird von der Masse der Evangelikalen nicht gewählt. Dann gibt es natürlich die Themen, wo ich mich durchaus gemeint und angriffen fühle, nur nicht als Evangelikaler, sondern als Christ, etwa weil ich an die Wiederkunft Jesu glaube (MG 14) oder Abtreibung ablehne (MG 78-85). Verunglimpfung christlicher Ethik in deutschen Medien ist so normal geworden, dass es kaum lohnt, zu reagieren. Viele Seiten des Buches entlocken mir sogar ein Schmunzeln, was es unter uns so alles gibt – nur dass davon eine Gefahr für die Bundesrepublik Deutschland ausgeht, kann ich den Autoren irgendwie nicht abnehmen. Manches, was im Buch beschrieben wird, habe ich in einem meiner Bücher selbst scharf kritisiert, und andere werden anderes finden und sagen: ‚das ist ja wirklich schlimm‘. Und wenn ich selbst zwar vorkomme, aber nur weil ich Evangelikale auffordere, sich politisch zu engagieren (MG 169, 232), oder meine Frau, weil die EKD vermeintlich zu eng mit ihr zusammenarbeitet, dann kann ich damit leben, weil es zum einen ja stimmt und zum anderen für mich eher etwas Positives ist.

Im Übrigen könnte man auch aus einem anderen Grund beruhigt sein: Die Journalisten haben offensichtlich keinerlei Zugang zu Interna und keinerlei zu verwertende Insiderkenntnisse, wie sie etwa ein langjähriger Vatikankenner über den Vatikan hätte. Ich könnte da manches Humorvolle, aber auch Kritische aus dem Nähkästchen plaudern. Insider werden dem Buch abspüren, dass die Autoren die wahren Probleme (und ebenso die wahren Stärken) der evangelikalen Bewegung gar nicht kennen. Und wo die Bruchlinie zwischen den organisierten Evangelikalen und den ungezählten kleinen Gruppen an den verschiedenen Rändern verläuft, ist den Autoren völlig verborgen geblieben, da ihre Quellen überwiegend entweder Predigten oder aber Meldungen in säkularen Medien sind.

Sodann bleibt uns manchmal nichts anderes übrig, als sich dafür zu entschuldigen, wie ein Evangelikaler Nichtevangelikalen gegenüber seinen Glauben unhöflich und unsensibel präsentiert hat – wie es das bei allen Menschen gibt. Auch wir Evangelikalen leben nur von Gottes Gnade und Vergebung und wir predigen keinen Glauben für Perfekte, sondern leben nach den Worten Jesu, die auch und gerade für uns gelten: „Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern nur die Kranken“ (Markus 2,17). Und dazu wird man durch die den Evangelikalen so wichtige Bekehrung selbstkritisch, heißt Bekehrung doch nicht mit dem Pharisäer „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so wie die anderen bin“, sondern richtig mit dem Zollbeamten: „Herr sei mir Sünder gnädig“ (Jesus in Lukas 18,11-14). Entscheidend ist für die Beziehung des Christen zu Gott, dass der Glaube mit Selbstkritik beginnt. Das Christentum ist die mit Abstand selbstkritischste Religion auf dem Markt! In der Bibel beginnt Glaube mit der Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit. Und nicht zufällig kritisiert die Bibel nicht vor allem die Ungläubigen und die böse Welt, sondern die Gläubigen. Ganze Bücher des Alten Testamentes widmen sich dem schonungslosen Offenlegen der Zustände unter den Juden, ganze Bücher des Neuen Testamentes legen die schlimme Situation in christlichen Gemeinden bloß. In keiner Religion kommen die Anhänger der eigenen Religion so schlecht weg, wie im Alten und Neuen Testament. Die Lehre, dass auch Juden und Christen Sünder und zu den schlimmsten Taten fähig sind, wird in der Bibel sehr anschaulich vor Augen geführt. Mit ihrer Heiligen Schrift ist dem Christentum eine schonungslose und ehrliche Selbstanalyse angeboren. Das hat die Geschichte des Christentums geprägt. Die Kreuzzüge haben christliche und nicht muslimische Historiker aufgearbeitet und keine Religion steht so eindeutig zu ihren Fehlern in ihrer mehrtausendjährigen Geschichte.

Doch zurück: Dann gibt es da die platten Aussagen, die so fern der Realität sind, dass man einfach nur kopfschüttelnd zur Tagesordnung übergehen will. So heißt es von den Evangelikalen: „Die Gläubigen leben isoliert, Kontakt zur Außenwelt ist nicht erwünscht.“ (MG 9). Das ganze Buch widerlegt das ja, werden doch ungezählte Kontakte zu Politik, Wirtschaft, Medien und Kirchen kritisiert. Ich selbst war kürzlich beim Syrisch-orthodoxen Erzbischof im Kloster Warburg, da wir uns für seine Kirche in der Türkei und im Irak einsetzen. Die Tage davor war ich bei einem Symposium der Bundeswehr in Strausberg, einer OSZE-Tagung in Wien, einem Arbeitsgespräch mit dem Vatikan und referierte auf einem Symposium an der Universität Bamberg zwischen katholischen, jüdischen und muslimischen Referenten zur Religionsfreiheit. Sieht so das Arbeitsprogramm eines Menschen aus, der isoliert lebt und keine Kontakte zur Außenwelt wünscht?

Nun mag es ja einzelne Gruppen geben, die aus geschichtlich bedingten Gründen noch etwas abgeschottet leben (na und, wenn sie dabei keinen anderen stören?), wie einige russlanddeutsche oder einige überalterte Gemeinden, aber für die Masse der Evangelikalen ist die Aussage fern jeder Realität: Evangelikale haben normale Berufe, sind also Schreiner, Rechtsanwälte, Ärzte und Kassierer (und ihre weiblichen Entsprechungen), sind in der Wirtschaft allgegenwärtig, sie setzen sich sozial überwiegend für Nichtevangelikale ein (z. B. an vorderster Front für Arme und für HIV/AIDS-Kranke) und sind mit den Folgen der Globalisierung gesegnet, wie kaum eine andere Gruppe.

Warum trotzdem reagieren?

Warum dann überhaupt reagieren? Ganz einfach: Wenn alles in die Tat umgesetzt würde, was die Journalisten fordern, wäre es morgen nicht direkt verboten, aber praktisch unmöglich, evangelikal zu sein, zumindest in der Öffentlichkeit. Unsere Religionsfreiheit und unsere Meinungs- und Pressefreiheit wäre dahin und zwar ganz gleich, zu welcher der ungezählten, sich teilweise theologisch misstrauenden Richtungen man gehört. Und übermorgen würde jede etwas überzeugter auftretende Religiosität kontrolliert und behindert. Verfolgung religiöser Minderheiten (wie von Minderheiten überhaupt) beginnt weltweit mit Desinformation, geht dann in konkrete Diskriminierung über und endet mit konkreter Verfolgung. Die Autoren betreiben die Desinformation bereits im großen Stil und fordern unverblümt die Diskriminierung im großen Stil (Evangelikale sollten keine Medien, keine Politikerkontakte, keine Veröffentlichungsmöglichkeiten haben, ihnen sollten Gemeinnützigkeit und Unterstützung aus Steuergeldern entzogen werden, ihre Schule sollten strenger reglementiert werden usw.) Solch weitgreifende Beschränkungen hat in Deutschland schon lange keiner mehr gegen eine Religionsgemeinschaft gefordert!

Wenn ich mich also für andere evangelikale und andere christliche Strömungen einsetze, die ich theologisch gar nicht teile, dann deshalb, weil ich die politische Marschrichtung der Autoren für höchst gefährlich halte. Religionsfreiheit ist bei ihnen nicht mehr vom Rechtsstaat abhängig – die Autoren kritisieren ja gerade Behörden, die entschieden haben, dass die Evangelikalen nicht gegen Gesetze verstoßen. Religionsfreiheit ist dann noch nicht einmal vom Wohlwollen anderer Kirchen abhängig – denn auch die EKD wird fortlaufend kritisiert, dass sie zu eng mit den Evangelikalen verbandelt sei. Sondern die Religionsfreiheit ist dann allein vom Wohl und Wehe schlecht und recht recherchierender und religiös kaum beschlagener Journalisten abhängig, und zwar auch nur von denen einer bestimmten politischen Couleur. Das Hudson-Institut in Washington und die Oxford University Press haben gerade in dem Buch „Blind Spot: When Journalists Don’t Get Religion“ (hg. von Paul Marshall u. a.) detailliert dokumentiert, dass viele Journalisten religiöse Themen sehr oberflächlich abhandeln, weil sie aufgrund ihrer Arbeitsweise selten in die eigentliche Religiosität eindringen und die vielen verschiedenen religiösen Richtungen kaum auseinander halten können. Und diese Journalisten sollen in Zukunft über Wohl und Wehe religiöser Bewegungen entscheiden – und tun es schon, weil sie durch ihre Verurteilungen unwiderrufliche Fakten schaffen. Ich kann jedenfalls nur jeden religiösen Menschen in Deutschland warnen, sich der Schelte von Lambrecht und Baars anzuschließen, und dadurch zu hoffen, selbst nicht in die Schusslinie zu geraten. Sie könnten schneller von der Gnade der Journalisten abhängen, als ihnen lieb ist.

Die vierte Gewalt


Die Medien als vierte Gewalt würden hier Realität, die an die Entscheidungen der anderen Gewalten nicht gebunden wären, wenn sie diese für zu lasch hielten. Denn die Autoren kritisieren Evangelikale als Prozesshanseln, nur weil diese in einem einzigen Fall einmal vor Gericht gingen (MG 66), wo das doch jedermanns gutes Recht ist, das die Evangelikalen sonst praktisch nie (und meines Erachtens viel zu selten) in Anspruch nehmen. Vom kleinen Verein Wüstenstrom heißt es nämlich: „Kritiker müssen mit Klagen rechnen“ (MG 66). Ich sehe schon die dort genannten Medien SWR, Hannoversche Allgemeine Zeitung und taz vor ‚Wüstenstrom‘ erzittern, einem Verein, der ein so kleines Budget hat, dass er seine Mitarbeiter kaum bezahlen und schon gar nicht langwierige Prozesse führen kann.

Nun könnten die Medien als vierte Gewalt ja immer noch durch andere Medien kritisiert werden, aber dass die Evangelikalen eigene Medien haben und säkulare Medien informieren, wird von den Autoren ja auch schärfstens angegriffen (MG 161-182) und ihr Ziel ist es offensichtlich, den Evangelikalen jeden Zugang zu eigenen oder anderen Medien abzuschneiden! Gut, dass Deutschland nicht so ist, wie die Autoren es gerne hätten.

Hat eigentlich schon einmal jemand darüber nachgedacht, dass die Medien wie ordentliche Gerichte Karrieren zerstören können und zerstören, ihre Verdammungsurteile aber nicht, wie die sonstigen Staatsgewalten, selbst wieder einer Überprüfung durch Rechtsinstanzen unterliegen Nur Negatives – ein nutzloser Teil der Gesellschaft Die Autoren haben beschlossen, über die Evangelikalen nur Negatives zu berichten. Auf 240 Seiten wird kein einziges Wort aus evangelikalem Mund zitiert, das Zustimmung verdient, keine gute Tat erwähnt, die des Lobes würdig wäre (etwa ihr enormes Engagement in der Diakonie), kein einziger guter Aspekt genannt. Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was das negative Bild irgendwie auch nur ein kleines bisschen entlasten könnte.

Die Evangelikalen scheinen ein gefährlicher und nutzloser Teil der Gesellschaft zu sein. Dem Leser muss verborgen bleiben, warum viele im Buch genannten Kräfte trotzdem mit den Evangelikalen zusammen arbeiten. Warum etwa der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-Moon, sich am 11.10.2007 mit evangelikalen Leitern aus aller Welt traf und namentlich den Einsatz der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) und ihrer Micha-Initiative als wesentlichen Beitrag zur weltweiten Armutsbekämpfung und zur Betreuung von durch HIV/AIDS Betroffene lobte, muss dem Leser des Buches schleierhaft bleiben.

Dabei wird den Evangelikalen oft zur Last gelegt, was allgemeine Phänomene in unterschiedlichen gesellschaftlichen Strukturen sind? So ist dauernd von gefährlichen Autoritätsstrukturen in Freikirchen die Rede. Ausgerechnet die Freikirchen mit ihren viel flacheren Leitungsstrukturen und ihrem Wahlrecht für alle Gemeindeglieder (oft seit Jahrhunderten!) werden an den Pranger gestellt. Aber leider stimmt es, dass das, was in der ganzen Gesellschaft üblich ist, auch in unseren Gemeinden anzutreffen ist. So wie es autoritäres Gehabe, Machtkämpfe und Abhängigkeiten in Politik, Wirtschaft, Medien und Familien gibt, so leider auch bei uns. Nur warum wollen denn dann die Journalisten nur die Evangelikalen beschränken und kontrollieren? Warum nicht alle, die auf ihre Macht pochen und Gehorsam erwarten? Warum nicht alle Machtmenschen?

Kein realistisches Bild – keine echte Forschung

Der Leser des Buches erhält auch nicht andeutungsweise ein halbwegs realistisches Bild der evangelikalen Bewegung. Nirgends wird ein Überblick gegeben, wer zur evangelikalen Bewegung gehört, welche Gemeinsamkeiten sie hat und zu welchen Fragen es eine große Bandbreite innerhalb der Bewegung gibt. Nirgends wird unterschieden, wer zu den Mainstream-Evangelikalen gehört, die etwa im Rahmen der Evangelischen Allianz miteinander und mit anderen Christen zusammenarbeiten, und wer zu kleinen Randgruppen, die gar nicht zur evangelikalen Welt gehören wollen und mit evangelikalen Christen nicht zusammenarbeiten. Der Leser erstickt in Details und übersieht dabei, dass die Autoren forschungsmäßig nichts über die Bewegung an sich beizutragen haben.

Man überlege einmal, man würde ein Buch über die CDU schreiben, in der man nur in endloser Folge Revue passieren ließe, was CDU-Politiker seit 1949 Merkwürdiges gesagt oder getan haben, und zwar unabhängig davon, ob sie es als CDU-Politiker und mit Rückendeckung der Partei getan haben oder nur privat. Man würde aber im gleichen Atemzug kein Wort über die Parteigeschichte und das Parteiprogramm verraten. Man würde nichts darüber schreiben, was die CDU zum Aufbau der BRD beigetragen hat und dass sie viele Jahre den Bundeskanzler bzw. die Bundeskanzlerin gestellt hat. Am Ende würde die CDU schlecht dastehen, über die CDU selbst hätte der Leser trotz ungezählter Fußnoten nichts erfahren. Nirgends wird zusammenhängend dargestellt, wie sich die Evangelikalen selbst verstehen. Nirgends wird referiert, was eigentlich eine Freikirche ist, nirgends einmal aufgezeigt, welche Freikirchen es eigentlich gibt. Nirgends wird zusammengefasst, was Evangelikale in ihren politischen Stellungnahmen eigentlich wirklich anmahnen, dass etwa eine ihrer größten Aktionen MICHA ist, eine Initiative zur Armutshalbierung weltweit nach den Milleniumszielen der UN.

Es wurde auch nicht erforscht: Wo sind die geografischen Schwerpunkte der Evangelikalen? Wie stehen die Freikirchen in Deutschland im Einzelnen zu den Evangelikalen? (Im Buch werden sie ihnen pauschal zugeschlagen, was Unsinn ist und nur bei einigen Freikirchen ihrem Selbstverständnis entspricht.) Was sind die sozialpolitischen Forderungen der Evangelikalen? Das Buch versucht gar nicht erst, dem nahe zu kommen, sondern geht davon aus, dass Evangelikale jede ihrer ethischen Normen per Gesetz durchsetzen wollen. Das ist natürlich Unsinn, weil gerade die Evangelikalen betonen, dass man nur durch persönlichen Glauben und nicht per Verordnung „Heiligung“ erlangen kann und sich traditionell weniger politisch denn persönlich für andere engagieren.

Denn ein Grundsatzfehler durchzieht das ganze Buch: Die Autoren schließen automatisch von religiösem auf politischen Fundamentalismus. Das ist aber falsch. Ein katholischer Politiker oder ein glühender Anhänger des Dalai Lama kann sehr wohl zwischen dem unterscheiden, was er dem Lehramt des Papstes oder dem Dalai Lama schuldet und was er gemeinsam mit anderen Menschen politisch umsetzen will und kann oder als demokratische Setzung akzeptiert.

Denn längst nicht alles, was ein religiöser Mensch für richtig hält, will er auch in der Politik durchsetzen. Das Problem der Anhänger der evangelikalen Bewegung in ihrer Geschichte und in Teilen bis heute ist doch eher, dass sie sich von der Politik fernhalten und anderen das Gestalten der Gesellschaft überlassen. Gerade dadurch sind sie aber für Demokratien ungefährlich, wenn man nicht den Anteil der Nichtwähler als gefährdend ansehen will.

Nehmen wir als Beispiel die russlanddeutschen Evangelikalen in Deutschland. Sie arbeiten oft noch nicht einmal mit anderen Evangelikalen zusammen. Dennoch stammen sie überwiegend aus der ganz oder teilweise pazifistischen Tradition der Mennoniten und Baptisten und sind deswegen in punkto Gewalt oder Missbrauch der Politik völlig ungefährliche Kirchen. Ihre Arbeitsmoral lässt sie wirtschaftlich bestens integriert sein, wie gerade wieder das Statistische Bundesamt festgestellt hat. Sie mögen im religiösen Sinne Fundamentalisten sein, im politischen Sinne sicher nicht. Denn gerade wenn Fundamentalismus bedeutet, den Ursprungszustand der Religion gegen die Moderne wiederherzustellen zu wollen, entsteht im christlichen Bereich mit dem Ideal der völlig unpolitischen Urgemeinde in Jerusalem eine eher pazifistische Bewegung.

Unsere Demokratie lebt auch davon, dass zwischen öffentlichem Recht und privater Moral unterschieden wird. Ob ein Bürger die jeweiligen moralischen Grundlagen eines Gesetzes teilt, ist zweitrangig, solange er sich daran hält. Jeder kann privat ganz andere moralische Maßstäbe für richtig halten, also etwa Vegetarier oder Pazifist sein und sogar privat so leben. Warum soll das nicht für die Evangelikalen gelten? Was übrigens auch falsch ist und durch keine Belege der Autoren gestützt wird, ist der ständige Hinweis darauf, die Evangelikalen seien in jüngster Zeit dramatisch am Wachsen. Das mag im globalen Süden gelten, in Deutschland ist die Zahl seit Jahrzehnten stabil, sofern man überhaupt davon sprechen kann, dass jemand die Zahl der Evangelikalen gezählt habe. Die Evangelikalen sind nicht „mittlerweile“, sondern seit langem beim Stand von heute. Nicht, dass ich ihnen keinen „Zulauf“ wünschte, aber Realität ist er nicht. Die Selbstangabe der Deutschen Evangelischen Allianz von 1,4 Mio. ist eine uralte Zahl. Damit entfällt auch das Argument, die Evangelische Kirche arrangiere sich mit den Evangelikalen, weil sie so viele seien. Die Kirche selbst nennt andere Gründe, zum Beispiel, dass sich Kirche und Evangelikale aufeinander zu bewegt hätten, die Kirche, indem sie Mission nicht mehr verdamme, die Evangelikalen, indem sie sich nicht mehr aus der Abgrenzung heraus definierten.

Keine faire Berichterstattung

Nirgends wird auch nur andeutungsweise eine faire Berichterstattung versucht. Der ganze Text ist von einem dauerhaften polemisch-ironischen Unterton geprägt, so also würde dauerhaft der Untertitel mitlaufen: „Ja, ist denn das die Möglichkeit, kann das nicht mal sofort jemand verbieten?“

Nirgends wird versucht, evangelikale Positionen so zu beschreiben, dass sich Evangelikale darin wieder finden. Nirgends im Buch wird – nach journalistischer Ethik und nach akademischem Standard – zwischen Darstellung und Kommentar unterschieden. Ein unbedarfter Leser, der anschließend evangelikale Gottesdienste besucht, in den überreichen evangelikalen Buchmarkt eintaucht oder eine evangelikale Beratungsstätte aufsucht, wird dort eine ganz andere Welt vorfinden.

Immer wieder wird der EKD und anderen kirchlichen Einrichtungen der Vorwurf gemacht, mit den Evangelikalen zusammenzuarbeiten oder diese zu decken. Offensichtlich ist es den Autoren trotz zahlreicher Versuche nicht gelungen, Kirchenführern Worte zu entlocken, die ihre Sicht der Evangelikalen unterstützen würde. Nirgends aber lassen die beiden Journalisten den Leser Einblick nehmen, warum denn kirchliche Stellen – oder aber auch die kritisierten Bundes- und Landespolitiker – zwar Aussagen und Handlungen einzelner Evangelikaler kritisieren, nicht aber die Evangelikalen verwerfen oder gar als Gefahr ansehen.

„Fundamentalisten wollen keinen echten Dialog auf Augenhöhe, sie wollen andere von ihrer Sicht der Dinge überzeugen, sie missionieren.“ (MG 197), heißt es bei Lambrecht und Baars. Nun sind das zunächst einmal zwei Dinge, ob man überzeugen will oder ob man keinen echten Dialog möchte. Aber auch für letzteres bleiben die Autoren den Beweis schuldig. Was sie allerdings treiben, lädt nicht unbedingt zum Dialog ein. Sie verurteilen die Evangelikalen dauernd in Bausch und Bogen, lassen es so massiv an jeder Differenzierung fehlen, dass ich mich frage, wo da ein Dialog herkommen soll. Dialog heißt doch, dass man zunächst miteinander redet und die Argumente beider Seiten hört, nicht, dass einer automatisch klein bei gibt, andernfalls er als dialogunfähig gilt.

Ich befinde mich dauernd und ernsthaft im Gespräch mit Atheisten und Juden, Muslimen und Katholiken, an Universitäten und in politischen Gremien bei EU und OSZE, beim Weltkirchenrat und Vatikan. Leider gibt es unter Evangelikalen (wie unter allen Menschen) auch solche, die sich lieber nicht einer ernsthaften Diskussion stellen, aber dass die hochgradig globalisierte weltweite evangelikale Bewegung nur mit Ihresgleichen diskutiere, ist fern jeder Realität.

Der Leser wird manipuliert

Der ganze Text ist systematisch manipulativ. So habe ich das ganze Buch einmal nur auf die Titelfrage hin durchgesehen. Wenn immer ein Evangelikaler einen anerkannten Professorentitel hat, fehlt der (z. B. bei Christine Schirrmacher, Werner Gitt S. 87, Wolfgang Stock) oder es heißt nur „wird ... als ‚Hochschullehrer ...‘ vorgestellt“ (S. 166). Bei Gegnern der Evangelikalen werden deren Professorentitel, so sie welche haben, immer angegeben, oft herausgestellt, und auch sonst jeweils gesagt, warum ihr Wort gewichtig ist. Kein Evangelikaler, der zitiert wird, wird als ernst zu nehmende Persönlichkeit zitiert, sondern immer so, dass der Leser schon von der Beschreibung und Vorstellung einer Person her voreingenommen ist.

Von religiösen Analphabeten geschrieben

Das Buch ist offensichtlich von religiösen Analphabeten geschrieben. Vieles, was verurteilt wird, ist weniger den Evangelikalen, noch nicht einmal nur den Christen, sondern überhaupt der Welt der Religion zuzuordnen. Wenn darauf verwiesen wird, dass das Bundesverfassungsgericht sich „mehrfach mit sogenannten ‚Geistheilern‘ befasst“ (MG 19) hat, scheint den beiden Journalisten nicht bekannt zu sein, dass es sich in keinem Fall um Evangelikale, ja noch nicht einmal um Christen handelte und die von ihnen angedeutete Parallele nicht nachzuvollziehen ist. Das ganze Buch atmet den Geist nichtreligiöser, ja religionskritischer Menschen, denen Religiöses insgesamt einfach fremd ist und die persönliche Spiritualität als das Unverstandene, Fremde und Andersartige spöttisch belächeln.

Die Unkenntnis der Autoren über die Vielgestaltigkeit großer religiöser Bewegungen, insbesondere solcher, die keinerlei autoritative Leitung oder ein Lehramt haben, ist erst recht offensichtlich.

Dramatisch wird beispielsweise über die Evangelikalen berichtet: „Sie bekennen sich zu Jesus. Doch er gilt nicht nur als Erlöser der Christen, sondern als Retter der ganzen Welt.“ (MG 9). So schreibt nur jemand, der das Christentum nicht kennt, denn so steht es im Glaubensbekenntnis aller Konfessionen.

„Evangelikale glauben außerdem, dass Jesus auf die Erde zurückkehren wird.“ (MG 14) Das ist natürlich richtig, wird aber dadurch windschief, dass nicht gesagt wird, dass das alle Christen glauben, ja im Übrigen sogar die Muslime. Der Leser, der das Christentum nicht kennt, wird so fortlaufend falsch informiert, weil er nach Lesen des Buches ungezählte dogmatische und ethische Positionen für typisch evangelikal hält, die typisch christlich sind.

Zur Pfingstbewegung wird abfällig berichtet: „Sie singen und tanzen, um damit Gott zu loben.“ (MG 12) Was da als pfingstkirchlicher Gottesdienst beschrieben wird – sicher vom Stil her etwas, das in Deutschland nur ein Teil der Evangelikalen begrüßt –, ist etwa in Afrika die Regel in Gottesdiensten aller Konfessionen. Und dann zeigt sich wieder die religiöse Halbbildung, wenn es heißt: „Die Bewegung geht auf eine Geschichte des Neuen Testaments zurück. Danach erschien den Jüngern Jesu zu Pfingsten der Heilige Geist ...“ (MG 12). Nun werden sich die Pfingstgemeinden sicher freuen zu hören, dass ihre Bewegung unmittelbar auf Pfingsten zurückgeht, aber andere Kirchen werden darauf verweisen, das das Pfingstfest schon 1900 Jahre lang gefeiert wurde, bevor die Pfingstbewegung entstand, und der Heilige Geist seit Pfingsten auf alle, nicht nur auf Pfingstler ausgegossen wurde. Apropos Tanzen: Ich hatte kürzlich ein Wochenendseminar in der Katholischen Akademie in Aachen. Da parallel ein Versöhnungstanzseminar stattfand, wurde ein solcher Tanz auch in den Gottesdienst integriert. Das war schon gewöhnungsbedürftig für mich. Aber ich bin selbstkritisch genug zu wissen, dass ich mit meinen steifen Empfindungen in Afrika selten weit komme, und auf die Idee, dass sich hier möglicherweise Gefahren für die Demokratie aufgrund einer zu ekstatischen Religiosität anbahnen, bin ich nun wirklich nicht gekommen. Kurzum, empörte Feststellungen wie: „Gott wird als alleiniger Schöpfer von Mensch und Natur gepriesen ...“ (MG 9) – was die Mehrheit der Weltbevölkerung so sieht – oder „Viele glauben an Wunder und Heilungen – allein durch Gott“ (MG 9) – wobei (tatsächliche oder vermeintliche) Wunder Kennzeichen fast aller Religionen sind – erweisen die Autoren als Menschen, die die Welt der Religion prinzipiell nicht kennen und ernst nehmen. Auch hier noch einmal der Hinweis, dass alle religiösen Menschen vorsichtig sein sollten, mit den Wölfen zu heulen, sie könnten morgen selbst Opfer sein.

Alle in einen Sack – und viele fälschlicherweise gleich dazu Das Buch wirft „die zweitgrößte christliche Gruppierung“, „etwa eine halbe Milliarde Menschen“ (MG 11) in einen großen Sack und haut drauf. Warum man von deren vermeintlicher Gewaltneigung und Intoleranz nicht täglich etwas in den Nachrichten hört, obwohl doch viel kleinere Gruppen die Welt ständig in Atem halten, muss dem Leser ein Rätsel bleiben. Auch die 1,4 Mio. Evangelikale in Deutschland, allesamt vermeintlich intolerante, gewaltgeneigte, zum Gesetzesbruch tendierende Fundamentalisten, haben es irgendwie geschafft, in keinem Verfassungsschutzbericht zu stehen, in keiner Kriminalstatistik aufzutauchen und den Leuten im alltäglichen Leben keine Angst zu machen, obwohl sie doch vor anderen religiösen Gruppen nicht immer zu Unrecht Angst haben.

Und so werden auch für Deutschland nichtevangelikale Organisationen wie ‚Aktion Lebensrecht für alle‘, alle Freikirchen einschließlich der sozial vorbildlich wirkenden Heilsarmee und alles, was irgendwie christlich und nicht angepasst ist, in einen großen Sack gesteckt und miteinander verhauen. Jeder haftet hier für jeden. Immer wenn es keine aktuellen Beispiele der letzten zehn Jahre gibt, wird auf Beispiele des letzten Jahrhunderts zurückgriffen – aber natürlich ohne das dem Leser zu sagen. Das Titelbild ist übrigens typischerweise von 1987 und damit 22 Jahre alt, Reinhard Bonnke hätte sicher gerne ein neues Bild von sich zur Verfügung gestellt. Und wenn sich für Deutschland kein negatives Beispiel findet, wird auf die USA ausgewichen. Ja, bisweilen muss man mal beides kombinieren: uralte Beispiele zitieren, die aus den USA stammen, wie etwa, dass dort bis 1995 Abtreibungskliniken angegriffen wurden (wobei ich bestreite, dass es sich um ein evangelikales Problem handelt – siehe dazu unten).

Schlecht recherchiert macht aus nichtevangelikal evangelikal Das Buch ist trotz der vielen Fußnoten schlecht recherchiert. Viele Angaben sind nicht aus verlässlichen Originalquellen, sondern aus Zeitungen und Kurzmeldungen entnommen. Fehler, Halbwissen und Vermutungen führen dann oft dazu, dass für evangelikal gehalten wird, was nicht evangelikal ist. Zwei Beispiele unter vielen müssen genügen, auch wenn sich eine Vielzahl von irreführenden Details zusammenstellen lässt.

Fehler oder bewusst verkürzte Darstellungen führen immer wieder dazu, dass als rein evangelikal dargestellt wird, was nur teilweise evangelikal, in vielen Fällen sogar ökumenisch ist. „Hauptgesellschafter“ von Bibel-TV ist der angeblich „evangelikale Verleger Norman Rentrop“ (der sich selbst m.W. noch nie so bezeichnet hat, ökumenisch wirkt und Mitglied der EKD-Synode ist), daneben gibt es andere evangelikale Gesellschafter. „Beteiligt sind auch Produktionstöchter der evangelischen und katholischen Kirche“ (MG 179). Was verschwiegen wird: Im Programmbeirat sitzen vier nichtevangelikale Vertreter und ein evangelikaler Vertreter. Der Geschäftsführer ist der ehemalige Rundfunkbeauftragte der EKD. Bei Kongressen befindet sich der Stand von Bibel-TV etwa in der Regel in den Stand der EKD integriert. Bibel-TV ist eine Kooperation zwischen Katholiken, evangelischen Landeskirchlern und Evangelikalen, ein wahrhaft ökumenischer Sender.

Die ‚ökumenische Kommunität’ Offensive Junger Christen (OJC) wird zum ‚evangelikaler Verein’ geschrumpft (MG 67). Kein Wort davon, dass sie aus der 1968er Bewegung heraus entstanden ist, gewissermaßen fromme Blumenkinder. Kein Wort, dass sie unter anderem durch den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika und durch Friedensinitiativen groß wurde. Kein Wort davon, dass es sich um eine ökumenische Kommunität handelt, bei der katholische, orthodoxe, anglikanische und evangelische Kirchenführer und Professoren ein und aus gehen. Kein Wort davon, dass die OJC Fachverband im Diakonischen Werk der EKD ist. So wird aus der weitläufigen Kommunität in Reichelsheim mit den unterschiedlichsten Einrichtungen, in dem unter anderem auch Evangelikale stark engagiert sind, ein ‚evangelikaler Verein’. Nur wer die OJC vor Ort besucht, wird den Irrtum sehen. Wenn ich solche Argumente vorbringe, dann nicht, um zu sagen, dass die wirklichen Übeltäter nicht evangelikal seien (‚Heiliger Sankt Florian, bewahr’ mein Haus, zünd’ andere an.‘), sondern nur, um zu zeigen, wie schlecht die Autoren recherchiert haben bzw. wie selektiv und verkürzt sie berichten. Überall wo ich – meist mit geringem Aufwand – die Angaben der Autoren überprüfen konnte, erwiesen sich die Zitate als korrekt, die Angaben über die Organisationen als recht unzuverlässig. Bei anderen Journalisten wird dann nicht zufällig alles noch platter, etwa wenn es in ‚Das Parlament‘ (30.3.2009, S. 15) heißt, die Evangelikalen hätten mit Bibel-TV gar einen eigenen Fernsehsender.

Es wird vorgerechnet, dass 13% bzw. 28% nicht an die Evolutionstheorie glauben, ja sogar 12% der Lehramtskandidaten und 5% der Biologiestudenten (S. 87-88). Und auch wenn wir einmal so tun, als wenn es in unserem Land streng verboten wäre, die Evolutionstheorie anzuzweifeln, daran sollen die Evangelikalen schuld sein, die 1,7% der deutschen Bevölkerung ausmachen? Und das, wo selbst die ‚Hardliner‘ unter den Evangelikalen wie ‚Wort und Wissen‘ ausdrücklich die Mikroevolution vertreten und nur die Makroevolution anzweifeln? Und warum verschweigen die Autoren, dass der Prozentsatz der Gegner der Evolutionstheorie unter Katholiken mit Abstand am höchsten ist (was ich – wohl gemerkt – nicht kritisiere, sondern nur vermerke)? Weil das ihrer scheinbar so eindeutigen und einlinigen antievangelikalen Strategie die Spitze nehmen würde? Weil man dann plötzlich nicht mehr eine Minderheit ausgrenzen könnte, sondern sich mit großen gesellschaftlichen Kräften auseinandersetzen müsste?

Die Autoren kennen die Theologen und Bücher der Bewegung nicht Nirgends setzen sich die Autoren mit den führenden Theologen oder anderen Denkern der Bewegung auseinander. Jährlich werden weltweit hunderte evangelikale theologische Bücher veröffentlicht, jährlich Dutzende davon auch in deutscher Sprache. Aber die Autoren haben sich nicht die Mühe gegeben, auch nur in einige von ihnen hineinzuschauen. Stattdessen zitieren sie Webseiten, eMails und säkulare Zeitungsartikel. Sie sparen so natürlich eine Menge Zeit und ersparen sich auch die viel mühsamere intellektuelle Auseinandersetzung. Vielleicht ist das ja der Grund, warum die EKD die Einschätzung der Autoren nicht teilt, weil sie die theologische Literatur der Evangelikalen und ihre Vordenker kennt, und dies auch und gerade aus der Zweidrittelwelt. Das wäre so, als wenn man 240 Seiten über die CDU schriebe, indem man wahllos Aussagen von Mitgliedern zitiert, die Vordenker und das Parteiprogramm aber nirgends erwähnt.

Wer die Fußnoten der Autoren am Ende durchblättert, wird schnell ernüchtert, denn was zunächst wie gute Recherche aussieht, entpuppt sich überwiegend als eine Sammlung von Hinweisen auf Webseiten, eMails, kurze Zeitungsartikel und Meldungen und das normale Handwerkszeug von Journalisten, die sich selten in Fachliteratur zum Thema verirren und selten Zeit haben, die Gegenpartei ausführlich in ihren eigenen Argumenten und Erfahrungen selbst auch zu sich sprechen zu lassen. Spricht das, was jeder Evangelikale privat tut, gegen die Evangelikalen an sich? Im ganzen Buch wird nicht unterschieden, was Evangelikale befürworten und was einzelne Evangelikale tun. Nirgends wird gefragt, wie hoch der Zustimmungsgrad unter den Evangelikalen zu bestimmten Äußerungen oder Handlungen ist. So wird der evangelikale Leser zahlreiche Beispiele von Äußerungen und Handlungen finden, die er instinktiv ablehnt, aber erstaunt feststellen, dass sie als typisch evangelikal gelten. Dadurch wird der Eindruck erweckt, jeder Evangelikale sei gleichzeitig ekstatischer Pfingstler, sittsam gekleideter Brüdergemeindler, russlanddeutscher Homeschooler, schlagender Vater, beleidigender Straßenprediger, schreiender Evangelist usw., als wenn jeder Evangelikale in sich die Meinungen, Handlungen und auch Probleme aller anderen Evangelikalen und Christen vereinen würde. Man könnte ja auch ein Buch schreiben, wie Journalisten sind und dabei jede Untat eines Journalisten aus 60 Jahren Bundesrepublik Deutschland auflisten und davon ausgehen, dass dann die Autoren des Buches ja wohl genauso sein müssten. Man könnte auch ein Buch über ‚Die Grünen‘ schreiben, in dem man alles, was Mitglieder dieser Partei sagen und im Alltag tun, der Ausrichtung der Grünen zurechnet. Dann wären wir aber immer noch weit vom Vorgehen der Autoren entfernt, weil es bei den Evangelikalen keine überprüfbare Mitgliedschaft gibt und die Autoren deswegen jeweils frei wählen können, wen sie den Evangelikalen zurechnen (und wen nicht, wenn das zu positiv aussähe), zumal sie meist keine Begründung dafür vorbringen, warum sie bestimmte Leute eigentlich zu den Evangelikalen zählen. Die Partei Bibeltreuer Christen muss als Beispiel gegen die Evangelikalen herhalten (MG 170-173), das meiste, was gegen sie gesagt wird, ist banal. Verschwiegen wird aber, dass die Partei nur sehr wenige Mitglieder hat und von erstaunlich wenigen Evangelikalen gewählt wird, dazu ebenso stark von konservativen Katholiken gewählt wird (der erste Mandatsträger der PBC war ein Katholik im katholischen Fulda) und von keiner evangelikal geprägten Kirche unterstützt wird. Nur: Auch wenn ich nicht zu den Wählern der PBC gehöre: Was da so über sie gesagt wird, hat sie nicht verdient und eine Demokratie wird ja wohl eine solche Partei aushalten, solange sie nach Recht und Ordnung funktioniert und nicht verfassungswidrig ist. Man sollte hier vorsichtig sein, denn die PBC ist ja nach deutschem Recht ordnungsgemäß angemeldet und gilt den Behörden beileibe nicht als verfassungsfeindlich. Aber richtig ist, dass sich die evangelikalen Wähler überwiegend auf alle im Bundestag vertretenen Parteien verteilen.

Natürlich darf der Fall einer Dämonenaustreibung durch ‚Ganzkörpersalbung‘ einer Frau durch ein Predigerehepaar in Nürnberg, die zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt wurden (MG 26-27), nicht fehlen. Übel, übel, nur welche evangelikale Gruppe hat das jemals für gut geheißen? Die evangelikale Presse jedenfalls hat seinerzeit mit Abscheu über die ganze Sache berichtet. Und zum Glück ist es ein Einzelfall geblieben, der aber so dargestellt wird, als käme er täglich und überall vor und sei typisch.

Auf den angeblich typisch evangelikalen Fall eines Vaters, der seinen Sohn getötet hat, möchte ich weiter unten eingehen, obwohl er schön belegt, dass das Verbrechern eines einzelnen Evangelikalen zum Wesenszug aller Evangelikalen hochgerechnet wird – ein typisches Vorgehen, wenn man Minderheiten diskriminieren will. Ein moralinsaures Buch beklagt sich über Ethik und verschweigt den eigenen Standpunkt Das Buch ist moralinsauer. Während den Evangelikalen vorgeworfen wird, andere moralisch zu verurteilen und häufig von Sünde zu sprechen, stehen die Autoren selbst fortwährend mit erhobenem moralischen Zeigefinger da und reden vom hohen Ross. Sie selbst scheinen alles richtig zu wissen und zu machen. Dabei lassen die Autoren völlig offen, woher eigentlich ihre Moral kommt, wie sie überhaupt völlig verschweigen, wo sie weltanschaulich oder religiös stehen. So jedenfalls kann man keinen Dialog führen.Die Autoren argumentieren dabei oft mit Worthülsen: „Der christliche Fundamentalismus kann damit auch als Gegenkonzept zur Moderne verstanden werden.“ (MG 10). Das sagt sich natürlich schön, aber wer oder was ist denn die „Moderne“, wo wir doch längst in der Postmoderne oder gar danach leben? Die Autoren machen sich gar nicht erst die Mühe zu beschreiben, was sie eigentlich damit meinen. Klingt doch gut: die sind unmodern. Und wo steht die „Moderne“ als Fixpunkt im Grundgesetz, von der man nicht abweichen darf? Könnte man Greenpeace oder Attac nicht ebenso vorwerfen, fundamentalistisch nicht die moderne Realität akzeptieren zu wollen? Es gibt angeblich bei den Evangelikalen nur Gut und Böse. Hätten die Autoren einmal in die theologischen Bücher der Evangelikalen geschaut (die sie völlig ignorieren), hätten sie etwas anderes gefunden. Mein Buch ‚Führen in ethischer Verantwortung: Die drei Seiten jeder Entscheidung‘ geht lang und breit darauf ein, dass es neben der grundsätzlichen Ethik der Normen und Werte die Situationsethik und die Ethik der persönlichen Gewissensentscheidung gibt, alles sowohl in der Bibel, als auch in einer langen theologiegeschichtlichen Tradition vorgegeben. Luthers ‚Adiaphora‘ (Fragen, die von keiner grundsätzlichen ethischen Norm betroffen sind und zu denen auch der Christ keine abschließende Antwort geben kann), spielen im Pietismus und Evangelikalismus ebenfalls eine große Rolle. Zu den meisten Fragen der säkularen Welt haben Evangelikale – wie andere christliche Bewegungen auch – keine nicht hinterfragbare Antwort, sondern auch in ihrer Mitte verschiedene Sichtweisen, die miteinander im Gespräch sein müssen. Die biblische Aussage: „Wo viele Berater sind, da nimmt es ein gutes Ende“ (Sprüche 11,14; 15,22; 24,6) nehmen die Evangelikalen sehr ernst. Zu ‚Gut und Böse’ muss ich doch auch noch anmerken: Es sind die Autoren selbst, die nur Gut und Böse kennen. Gut sind nämlich sie, böse die Evangelikalen, und zwar so ohne Abstriche hundertprozentig, dass – wie schon festgestellt – nirgends ein gutes Wort über sie steht.

Eine unwissenschaftliche und unbrauchbare Fundamentalismusdefinition – gemeint sind alle überzeugten Christen und Religiösen

Das Buch arbeitet mit einer völlig unwissenschaftlichen und unbrauchbaren Fundamentalismusdefinition: „Doch Fundamentalismus bedeutet zunächst einmal, kompromisslos nach bestimmten religiösen oder politischen Grundsätzen zu leben. Fundamentalisten halten ihre Form des Glaubens oder ihre Ideologie für die einzig richtige und einzig wahre.“ (MG 8) Nach dieser Definition dürfte es auf dieser Welt nur wenige Nichtfundamentalisten geben. Tatsächlich aber ist es willkürlich, wen man jeweils als „kompromisslos“ und rechthaberisch versteht und wen nicht. Auf zwei Seiten werden sechs Kennzeichen aufgelistet, warum „die meisten Evangelikalen“ Fundamentalisten sind, nämlich weil sie ihre Religion für die einzig richtige halten, Lebensregeln haben und deren Übertretung Sünde nennen, an die Wiederkunft Jesu glauben, an das Böse glauben, die Gesellschaft verändern wollen und ihre Überzeugungen weitergeben wollen (MG 13-15). Einmal abgesehen davon, dass es sich hier um eine willkürliche und von wenig Fachwissen geprägte Auswahl handelt: Was hier beschrieben wird, gilt für alle katholischen und orthodoxen Kirchen und den überwiegenden Teil der protestantischen Kirchen weltweit. Oder kurzum: Am Pranger der beiden Journalisten steht hier eigentlich durchgängig jedes überzeugte Christsein. Es soll sich dabei keiner vormachen, damit wären nur die Evangelikalen gemeint. Die Logik der Autoren lässt sich beliebig auf andere christliche und überhaupt religiöse Gruppen übertragen.
Was da als Fundamentalismus definiert wird, gilt ebenso für den Papst wie für den Dalai Lama, aber auch für Menschenrechtler, die bestimmte politische Auffassung ‚kompromisslos‘ vertreten und für der Diskussion enthoben erachten. Wird nicht bei uns in Deutschland zum Glück das Folterverbot kompromisslos vertreten? Oder sollte man da in Zukunft etwas großzügiger sein, um nur nicht als Fundamentalist zu gelten?
An dieser Stelle sei auch auf den auffälligen Umstand hingewiesen, das die Autoren konsequent die katholische Kirche außen vor lassen. Während die evangelischen Landeskirchen häufig erwähnt wird, könnte man den Eindruck bekommen, dass es in Deutschland kein katholisches Christentum gibt. Warum dies? Warum nicht entweder einige katholische Stimmen gegen die Evangelikalen oder umgekehrt eine Katholikenschelte, weil sie entweder ähnliche Positionen teilen oder nicht scharf genug gegen Evangelikale vorgehen? Ich vermute, weil sonst sehr schnell deutlich würde, dass die von den Autoren kritisierten ethischen Positionen der Evangelikalen oft dem offiziellen Lehramt der katholischen Kirche entsprechen. Die Autoren arbeiten nach dem Motto ‚Teile und herrsche’. Nur wenn sie die Christenheit spalten, haben sie eine Chance. Die Christenheit macht ihnen das dabei allerdings auch sehr einfach. Solange ein Teil der Christenheit nicht angegriffen wird, wehrt sich dieser selten für einen anderen Teil der Christenheit. Leider.

Im Übrigen müsste sich manche Gruppe wehren, die hier unter evangelikal läuft und es wirklich nicht ist. Die größte Lebensrechtsorganisation ‚ALfA‘ (MG 81) ist ebenso wenig evangelikal wie der Bundesverband Lebensrecht, dessen Mitgliedswerke zu 2/3 säkular ausgerichtet sind. ALfA hat seinen größten Unterstützerkreis im katholischen Bereich, daneben finden sich Nichtreligiöse, Evangelikale, Juden und andere.

Die Gemeinschaft ‚Zwölf Stämme‘ (MG 113-114), die trotz Gefängnisaufenthalte der Väter Homeschooling betrieb, bis Baden-Württemberg ihren Unterricht als Privatschule anerkannte, wird zum ersten Mal in der Geschichte den Evangelikalen zugeordnet – wobei im Buch der Ausdruck ‚christliche Fundamentalisten‘ immer so schwammig verwendet wird, dass auch nichtevangelikale und nicht protestantische Gruppen als Negativbeispiele verwendet werden können, der Leser aber alles bei den Evangelikalen ablädt. Die ‚Zwölf Stämme‘ sind Rückwanderer aus den USA, die aus dem Umfeld der Bruderhöfe und Amish People kommen und zur ökologischen Ernährung prinzipiell nur essen, was sie selbst angebaut haben. Die USA steht noch, obwohl Hunderttausenden Amish People dort noch ganz andere Freiheiten zugestanden werden, die Buchautoren sehen aber die Republik in Gefahr, weil 100 Ökobauern auf ihren Bauernhöfen ihren – zugegebenermaßen etwas weltfremden – Lebensstil leben wollen. Von ihrer bewundernswerten pazifistischen und ökologischen Tradition erfährt der Leser natürlich nichts.

Das Buch ist sich in diesem Zusammenhang nicht zu schade, polemisch zu berichten: „Die Männer tragen Vollbärte, die Frauen lange Haare und weite Röcke“ (MG 114). Also, die Bartfrisur ist neuerdings in Deutschland wieder vorgeschrieben? Und gilt das dann auch für Muslime oder für orthodoxe Priester und Bischöfe? Wird hier nicht bewusst mit – teils gar rassistischen – Ressentiments der Leser gespielt? Ich fühle mich jedenfalls in meiner Freiheit nicht durch Vollbärte, Mähnen oder Hahnenkämme anderer beschränkt und finde solche Äußerungen intolerant.

Am Ende fehlt dem Buch der Beweis der Gewaltneigung der Evangelikalen Das Buch versucht Evangelikale immer wieder in den Geruch von gewaltbereiten, gesetzesbrechenden Fundamentalisten zu rücken. Oft ist auch einfach allgemein von „Fundamentalisten“ die Rede, gemeint sind dann die aller Religionen, ohne dass das deutlich gesagt wird, etwa wenn von Fundamentalisten allgemein gesagt wird: „Deshalb wollen sie ihren Glauben oder ihre Idee verbreiten – einige auch mit Gewalt“ (MG 8-9). Nicht nur, dass solche Aussagen so vage bleiben, sondern für Evangelikale können die Autoren dafür im ganzen Buch kein einziges wirkliches Beispiel vorbringen. Evangelikale verbreiten ihren Glauben und ihre Ethik nicht mit Gewalt und das haben die Autoren auch nicht widerlegen können.

Nach vielen Versuchen, Evangelikale in die Nähe von Gewalt zu rücken, ohne belegbare Beispiele dafür nennen zu können, kommt nun endlich der Abschnitt „Gewalt im Namen der Bibel“ (MG 76-77). Der „strenggläubige Christ“ Karl K. – ob er evangelikal war, bleibt im Nebel und hätte bei der Schwere des Arguments wenigstens etwas Recherche verdient – ersticht seinen Sohn, weil sein Sohn das Haus verlassen wollte, um eine 13jährige zu vergewaltigen. Der Vater wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Die ganze Geschichte wird dabei nicht aus den Gerichtsakten entnommen, sondern aus Kurzmeldungen des Spiegels und der Lübecker Nachrichten. Denn die Autoren interessiert wohl kaum, was wirklich passiert ist, sondern wie sie Stimmung machen können.

Aber ordnen wir das Ganze einmal den Evangelikalen zu: Eine einzelne Familientragödie, offensichtlich die einzige aus den letzten Jahrzehnten, die zu finden war und die alle Evangelikale verurteilen und bedauern werden, wird als typisch für sie hingestellt. Evangelikale vertreten, dass alle Menschen, auch sie selbst Sünder sind. Deswegen ist es für sie keine Überraschung, dass auch Evangelikale zu Bösem fähig sind. Etwas so Böses wie Mord scheint dann aber doch unter Evangelikalen etwas seltener als sonst vorzukommen, sonst hätten die Autoren sicher viel mehr Beispiele vorgebracht. Also: In Jahrzehnten ein verabscheuungswürdiger Mörder und damit ist bewiesen, dass alle Evangelikale einen Hang zu religiösen Morden haben? Und was soll mit dem Beispiel gesagt werden? Hier wird eine schreckliche Familientragödie instrumentalisiert, um so zu tun, als wäre es typisch evangelikal, seinen Sohn im Namen der Bibel zu erstechen. Wenn dem so wäre, müsste es aber in den letzten 50 Jahren und bei 1,4 Mio. Evangelikalen im Land ständig neue Fälle geben. Und ist die evangelikale Bewegung für alles verantwortlich, was einzelne Evangelikale (oder angebliche Evangelikale) tun? Ist jede Steuerhinterziehung durch Evangelikale – und die gibt es sicher – ein Beweis gegen sie? Oder muss man nicht viel mehr fragen, wofür die evangelikale Bewegung öffentlich einsteht – unabhängig, ob sich jeder daran hält?
Wenn in muslimischen Familien häufiger Ehrenmorde vorkommen, die dabei von den Tätern noch als rechtens verteidigt werden, wird zu Recht gefordert, dafür nicht pauschal alle Muslime haftbar zu machen. Wenn ein Vater seinen Sohn ersticht, der möglicherweise evangelikal war, und wenn diese Tat noch nicht einmal von irgendjemand als rechtens verteidigt wird, müssen Millionen Evangelikale darunter leiden?

Zu weiteren Gewaltvorwürfen

Für die vermeintliche Gewalt gegen Abtreibungskliniken müssen die Autoren auf die USA verweisen und dazu ausschließlich Zeitungsartikel aus den 1990er Jahren zitieren (MG 79 + 212). Ich habe in einer eigenen Untersuchung (s. Angaben am Ende dieser Stellungnahme) gezeigt, dass selbst für die USA die Fakten dagegen sprechen, dass es sich bei den wenigen Morden an Abtreibungsärzten bis Mitte der 1990er Jahre um evangelikale Taten handelte. Aber da das ganze Buch ja um Evangelikale in Deutschland geht: Warum wird direkt zur deutschen Lebensrechtsbewegung übergegangen und dem Leser verschwiegen, dass in Deutschland nie dergleichen geschah, ja noch nicht einmal die Wand einer Abtreibungsklinik beschmiert wurde? Weil man eben offensichtlich gerne hätte, dass die Evangelikalen gewalttätig sind. Von dort geht der Weg direkt zu einem einzelnen Evangelikalen, der verurteilt wurde, weil er einen Frauenarzt als „Folterknecht“ und „Berufskiller“ bezeichnete und Flugblätter gegen Abtreibungsärzte verteilte. Wieder fehlt jeder Beleg, dass eine nennenswerte Zahl von Evangelikalen, eine Kirche oder die Deutsche Evangelische Allianz das Vorgehen gutgeheißen habe. Tatsächlich handelt es sich um einen ausgesprochenen Einzelgänger. Sein Vater wird übrigens „Pfarrer einer Freikirche“ (MG 85) genannt (der Professorentitel wird wie immer galant verschwiegen), als wenn damit automatisch belegt sei, dass sein Sohn im Einverständnis mit dem Vater handele (was in diesem Fall nicht so ist) und suggeriert wird, es handele sich um eine evangelikale Kirche. Die Selbständig Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland ist zwar eine Freikirche, versteht sich selbst aber nicht als evangelikal und entstammt historisch einer völlig anderen Entwicklung (nämlich der Ablehnung der Union der lutherischen und reformierten Kirchen im 19. Jh.).

Angeblich befürworten Evangelikale ‚körperliche Züchtigung‘ (MG 50-51) – was wieder nur für einen Teil zutrifft und zudem dann immer noch von der Frage unterschieden werden muss, ob sie es deswegen auch häufiger tun als andere, die es theoretisch ablehnen. Nun gibt es in unserem Land leider Misshandlung von Kindern und Gewalt in Familien. Und sicher sind davon Evangelikale nicht ausgenommen, die ja wie gesagt – nach eigener Lehre – auch Sünder sind. Aber so zu tun, als würden die Evangelikalen ihre Kinder vermehrt schlagen, ohne eine einzige Untersuchung vorzulegen, zeigt, das man immer nur findet, was schon vorher feststand. Leider gibt es Untersuchungen dazu nur in den USA. Sie zeigen, dass Evangelikale ihre Kinder (unabhängig wie sie zur Züchtigungsfrage stehen) seltener als im Landesdurchschnitt schlagen, sondern ihre Erziehung überwiegend auf Liebe, Güte und Vergebung aufbaut. Aber die Autoren begeben sich ja nicht auf die viel mühsamere Suche nach der soziologischen Realität, sondern suchen nur vordergründige Argumente. Es werden „gehässige Mails“ (MG 67) gegen Kritiker der Evangelikalen angeführt. Es tut mir ja um jedes wirklich drohende und hässliche Mail leid, aber erstens müsste ja erst einmal überprüft werden, von wem die stammen und zweitens bekommt die doch heute fast jeder, der eindeutige Positionen vertritt. Man muss nur einmal die Kommentare unter den Artikeln auf den Webseiten der Zeitungen und Magazine lesen, auf denen wüste Beschimpfungen und Beleidigungen so normal geworden sind, dass man sich wundert, dass sich da noch Leute beschimpfen lassen. Auch was sonst im Web und per Mails, in Kommentaren und Blogs Menschen an übler Gosse übereinander ausbreiten, ist schlimm. Evangelikale sollten sich nicht daran beteiligen. Aber als Argument gegen sie taugt das kaum, wenn man es dann nicht gegen alle anführt.

Keine Gewalt gegen Homosexuelle belegt

Über viele Seiten wird die Sicht kritisiert, dass praktizierte Homosexualität Sünde sei. Nur eines gelingt den Autoren nicht: Evangelikale in irgendeiner Weise mit Gewalt gegen Homosexuelle in Verbindung zu bringen! Denn zur Moral der Evangelikalen gehört die Gewaltlosigkeit, das Gewaltmonopol gehört ausschließlich dem Staat. Auch erfährt der Leser nicht, dass Evangelikale ihre Sicht der Homosexualität mit der katholischen und allen orthodoxen Kirchen teilen, die ebenso wenig für Gewalt gegen Homosexuelle sprechen oder an solcher beteiligt sind. Nach meiner Zählung wird in dem Buch an 170 Stellen eigens darauf hingewiesen, dass Evangelikale Homosexualität für Sünde halten, obwohl es dazu sowieso ein eigenes Kapitel im Buch gibt und die Sache selbst ja unstrittig ist. Wie eine Schallplatte kommt immer wieder derselbe Vorwurf. Doch ich ersehe daraus auch etwas anderes: Mehr als diesen Vorwurf können die Autoren nicht belegen. Kein einziger Beleg für Gewalt gegen Homosexuelle. Kein Beweis für eine Gesetzesinitiative gegen Homosexuelle. Ab und zu mal, dass sich ein Homosexueller in einer Gemeinde unter Druck gesetzt gefühlt hat, aber Religionsgemeinschaften gehört man in unserem Land freiwillig an und in keinem Fall ist von echten Repressalien die Rede.

Wer ist hier die Minderheit?

Noch ein Wort zur ständig wiederkehrenden Behauptung, die Evangelikalen würden die Minderheit der Homosexuellen verfolgen. Einmal ganz davon abgesehen, dass die Evangelikalen keine Homosexuellen verfolgen und Gewalt und Diskriminierung gegen sie ausdrücklich ablehnen und lediglich Homosexualität wie viele andere Dinge für moralisch falsch halten: Das Ganze stellt die Tatsachen auf den Kopf. Die Evangelikalen stellen nicht nur zahlenmäßig eine Minderheit in Deutschland dar, denen ein Teil der Medien negativ gegenüber eingestellt ist, sondern sie haben auch keinen Zugriff auf politische oder wirtschaftliche Macht. Die homosexuelle ‚Minderheit’ ist dagegen längst an den Schalthebeln der Macht angekommen. Sie wird auf allen politischen Ebenen aus dem Steueraufkommen unterstützt, die Evangelikalen finanzieren sich fast völlig aus eigenen Spenden. Bundesländer und im Bundestag vertretene Parteien werden von bekennenden Homosexuellen geführt, so hoch angesiedelt finden sich keine Evangelikalen. Homosexuelle (differenzierter gesagt: ihre öffentlichen Vertreter) und ihre Unterstützer stürzen Kandidaten für EUKommissariate und viele andere politische Ämter, dergleichen Macht fehlt den Evangelikalen völlig. Homosexuellen stehen die Medien weit offen, sie dort zu verunglimpfen, ist verpönt. Evangelikale werden nur gelegentlich von den Medien wohlwollend interviewt, die ablehnende Berichterstattung überwiegt.

Die Homosexuellen sind keine Minderheit mehr, sie sind längst an der Macht beteiligt, gut vernetzt und gut durch starke Organisationen vertreten. Denn eine Minderheit definiert sich nicht einfach zahlenmäßig, sondern ob sie Macht hat oder der Macht anderer ausgeliefert oder auf den Schutz anderer angewiesen ist. Um friedlich im Land mit allen zusammenleben zu können, sind die Evangelikalen darauf angewiesen, dass auch die Homosexuellen und ihre öffentlichen Vertreter ihre Rechte als religiöse Minderheit nach der Verfassung schützen und auf Diskriminierung verzichten. Wenn verfolgte Minderheiten zur Macht kommen, stehen sie immer in Gefahr, die Toleranz zu verlieren, die sie einst eingefordert haben. Die Lutheraner, kaum vom Joch der Katholiken befreit, verfolgten Andersdenkende evangelische Glaubensbrüder. Von Katholiken und Lutheranern Verfolgte verfolgten wieder die Täufer. Die Armenier, endlich wieder im eigenen Staat Armenien, verfolgen Nichtarmenier. Die Israelis, der Verfolgung entkommen, stellen sich gegen Palästinenser, diese – kaum autonom- verfolgen die christlichen Araber in ihrer Mitte. Der Hang, den Staat, der einen einst selbst verfolgte, gegen andere Minderheiten einzusetzen, sobald man selbst Zugriff auf den Staat hat, ist leider groß. Wie tolerant eine Bewegung ist, zeigt sich in der Geschichte immer erst, wenn sie Zugriff auf staatliche Macht hat.

Es reicht der homosexuellen Minderheit (oder differenzierter: ihrer öffentlichen Vertreter) nicht, dass sie die politischen Vorzeichen vollständig zu ihren Gunsten umgekehrt haben, sondern sie will scheinbar erreichen, dass Andersdenkende eben nicht mehr anders denken und ihre Meinung nicht mehr frei äußern dürfen – oder vom Staat abgestraft werden.

Gut, dass zu Zeiten des Christivals in Bremen das Gewaltmonopol beim Bremer Oberbürgermeister und der Bremer Polizei in guten Händen war und dort die friedlichen Evangelikalen gegen teilweise gewalttätige Protestler beschützte, aber die linksradikalen Proteste zeigen, dass man vor Gewalt gegen die evangelikale Minderheit nicht zurückschreckt und die Hetze der Medien gegen die Evangelikalen – wie mediale Hetze oft – schnell in reale Gewalt umschlägt. Wie die katholische Kirche, die orthodoxen und altorientalischen Kirchen und die große Mehrheit der weltweiten Christenheit – ja auch der protestantischen Kirchen außerhalb der westlichen Welt – halten auch Evangelikale Homosexualität wie überhaupt jedwede Sexualität außerhalb der Ehe und jedwede unfreiwillige Sexualität in der Ehe für nicht mit dem Willen Gottes vereinbar. Dass sie in einer Gesellschaft leben, die den Bereich der Sexualität völlig anders sieht, teilen die Evangelikalen mit fast allen Christen seit neutestamentlicher Zeit in vielen Zeiten und Kulturen. In einer Demokratie halten sie sich an diesbezügliche Gesetze. Im Übrigen predigen sie Gewaltfreiheit und respektieren das Gewaltmonopol des Staates wie kaum eine andere religiöse Bewegung. Aber in einem demokratischen Rechtsstaat haben sie einen Anspruch darauf, dass sie weder von Verfechtern einer Ehe ohne Trauschein noch von Homosexuellen gezwungen werden dürfen, so zu denken oder zu leben wie sie. Denn die Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit und das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben gilt ja auch für sie.

Evangelikale sind der Meinung, dass Gott die Sexualität als Krönung der Schöpfung für die Dauerbeziehung von Mann und Frau geschaffen hat. Sie glauben, dass erfüllte Sexualität in die Ehe gehört. Sie helfen auch vielen Menschen, die das nicht so leben. Sie sprechen sich gegen sexuellen Missbrauch von Kindern aus, gegen Vergewaltigung in der Ehe, ja sie sehen es selbstkritisch und leiden darunter, dass es all das auch in ihrer Mitte gibt. Sie bieten Hilfe und Vergebung an. Sie betreuen in Afrika und Asien Millionen von HIV- und AIDS-Betroffene, gleich ob deren sexuelle Praktiken mit verursachend waren oder nicht. Aber grundsätzlich bleibt es dabei, dass sie friedlich und seelsorgerlich dafür eintreten, dass Sexualität in eine harmonische und verlässliche heterosexuelle Langzeitbeziehung gehört.

Millionen Menschen leben in ‚wilder‘ Ehe, ohne die Evangelikalen zu beschimpfen und im Bundestag ein Einschreiten der Bundesregierung zu verlangen. Millionen von Menschen lassen sich scheiden, ohne gewalttätig gegen evangelikale Veranstaltungen zu demonstrieren, auf denen auch seelsorgerlich vor Scheidungen gewarnt und Scheidungsopfern Hilfe angeboten wird. Die Pornoindustrie lässt die Evangelikalen gewähren, obwohl diese zu ihren schärfsten Kritikern gehört. Warum muss denn dann in der Frage der Homosexualität das Gewaltmonopol des Staates gegen die Evangelikalen zu Hilfe gerufen werden?

Wer „Minderheiten diskriminiere und gegen Andersgläubige hetzt“, gehöre bekämpft, heißt es in einer Rezension (Das Parlament 30.3.2009, S. 15). Fakt ist doch, dass die Evangelikalen diskriminiert werden. Wer arbeitet denn für staatliche Medien, die Evangelikalen oder Lambrecht und Baars (ARD)? Wer kann denn erreichen, dass sein Buch in der Zeitschrift des Bundestages uneingeschränkt gelobt wird (Das Parlament 30.3.2009, S. 15)? Und Fakt ist doch, dass die beiden Journalisten selbst gegen „Andersgläubige“ (das sind die Evangelikalen ja wohl) hetzen, nicht umgekehrt. Verfolgung religiöser Minderheiten – längst überwunden – kommt sie zurück? Zum Stichwort ‚religiöse Minderheiten‘ noch ein Wort. Europa hat eine unselige Tradition, dass die Mehrheitsreligionen und -kirchen kleine religiöse Minderheiten verfolgen. Millionen Mitbürger haben deswegen Europa verlassen und sind nach Amerika und anderen Ländern und Erdteilen ausgewandert. Dass es Deutsche in der Sowjetunion, Paraguay, Kanada, Chile oder Brasilien gab, ist wesentlich diesem Umstand zu verdanken. Nun haben wir das nicht nur politisch hinter uns, sondern auch erstmals in der deutschen Geschichte gibt es eine nennenswerte ökumenische Zusammenarbeit zwischen Landeskirchen und Freikirchen und Begegnungen zwischen den Großkirchen und Evangelikalen.

Meine Vorfahren, die (evangelisch-reformierten) Hugenotten, wurden in Europa von einem Land zum nächsten vertrieben und bitter verfolgt. Sie haben – auch aus diesen Erfahrungen heraus – maßgeblich an der Entwicklung des vertragsrechtlichen Denkens, der rechtlichen Entmachtung des Adels und der Einführung der Demokratie mitgewirkt. Zuletzt fanden meine hugenottischen Vorfahren aus Salzburg vertrieben in Preußen (genauer in Danzig) eine neue Heimat. Soll jetzt nach vielen Jahren der Religionsfreiheit alles wieder von vorne los gehen? Stehe ich als überzeugter Reformierter mit vielen anderen christlichen Minderheiten wieder am Pranger, diesmal nicht der Kirchen und des Staates, sondern der Medien, die den Staat gegen uns mobilisieren? Lambrecht und Baars wollen offensichtlich die positive Entwicklung zur Anerkennung religiöser Minderheiten wieder zurückdrehen. Sie treten die uralte und überwunden geglaubte Voreingenommenheit gegenüber kleineren religiösen Gruppen wieder los. Sie werfen den evangelischen Kirchen vor, dass sie nicht ihre Macht gegen die Evangelikalen in Stellung bringen. Gottlob tun sie das immer weniger. Gottlob verstehen die Kirchen, dass sie dabei meist nur instrumentalisiert werden sollen und morgen selbst Freiwild sein können. Derzeit kommen einige Tausend Christen und Mandäer aus dem Irak als Religionsflüchtlinge nach Deutschland. Sie entsprechen genau dem Bild von christlichen Fundamentalisten, das die Autoren zeichnen. Nach tausend Jahren Zusammenleben mit Muslimen klammern sie sich an ihren Glauben und sind nicht an Alternativen interessiert. Strenge Lebensregeln und unaufgebbare uralte Rituale bestimmen nicht nur ihre Gottesdienste, sondern auch ihr Familienleben und ihren Alltag und sind für ihr Überleben als kulturelle und sprachliche Gruppe von zentraler Bedeutung.

Sollen sie per se bei uns keine Heimat finden?

Es ist offensichtlich, dass die Autoren jede Art von Mission für gegen die Menschenrechte gerichtet halten. Fakt ist aber, dass Mission und Religionswechsel gerade Kernbestandteile der Religionsfreiheit sind, in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ebenso wie in den EU-Menschenrechtsstandards und im Grundgesetz. Geradezu ein Hohn ist natürlich auch, dass die Autoren mit flammendem missionarischen Eifer gegen die Evangelikalen zu Felde ziehen. Ihr Anliegen ist so wahr und so wichtig, dass es jeweils reicht nachzuweisen, dass Evangelikale das jeweils anders sehen. Praktisch nirgends müssen sie ihre eigene Position erst einmal diskutieren, nirgends wird deutlich, dass es zu bestimmten Phänomenen sehr unterschiedliche Beurteilungen geben kann. Die Autoren beklagen, andere würden behaupten, die Wahrheit gepachtet zu haben, sie selbst kennen aber offensichtlich die reine Wahrheit, an der sich alle, die EKD, Bundesbehörden, Ministerien und viele andere auszurichten haben. Der Missbrauch des Menschenrechtsgedankens für alles und jedes führt dazu, dass plötzlich die Evangelikalen, die in ihrer Geschichte schon lange vor den meisten anderen etwa gegen Rassismus und für Religionsfreiheit eingetreten sind, als Feinde der Menschenrechte verunglimpft werden.

Evangelikale dürfen nicht, was jeder tun und lassen darf

Die Autoren kritisieren fortlaufend Evangelikale für Dinge, die in einer demokratischen Gesellschaft alle tun und lassen dürfen. So wird kritisiert: „Evangelikale wollen die Gesellschaft verändern. Sie rufen zu mehr Engagement in der Politik auf.“ (MG 14-15) Also unsere Gesellschaft ist wunderbar, sie braucht keine Veränderung und niemand will sie verändern (außer ein paar Parteien im Bundestag)? Und nur die Evangelikalen sind Spielverderber und wollen sie ändern? Und in einer Demokratie sollte sich natürlich niemand in der Politik engagieren, aber die Evangelikalen können es einfach nicht lassen? Wissen die Autoren eigentlich, was sie da schreiben?

Ein evangelikaler Lobbyverein hat 2008 Bücher an alle Bundestagsabgeordneten verteilt. Was für eine Schandtat! Mit solchen Allgemeinplätzen werden die Leser im ganzen Buch immer wieder konfrontiert. Warum sollten die Evangelikalen denn keine Lobbyvereine haben? Warum sollen sie sich nicht an Politiker wenden dürfen? „So würden Evangelikale häufig ein negatives Bild von der Gesellschaft außerhalb der Gemeinschaft zeichnen.“ (MH 70). Also, ist ja ein Ding! Wo alle anderen Menschen in Deutschland sich so bemühen, ein positives Bild der Gesellschaft zu zeichnen. Sind nicht viele Umweltschützer der Meinung, sie seien die einzigen Aufrechten im Land? Sind nicht die Tageszeitungen und das Fernsehen voll von Negativnachrichten über die Gesellschaft, oft dazu noch von moralinsauren Journalisten, die es immer schon besser gewusst haben – wenn man auf sie gehört hätte, gäbe es schon lange keine Probleme mehr im Land?
Im Übrigen zeigen viele evangelikalen Bücher und Predigten, dass Evangelikale oft auch ein schlechtes Bild ihrer Gemeinschaft zeichnen! Das unter uns Evangelikalen die Welt noch in Ordnung sei, habe ich schon länger nicht mehr gehört, geschweige denn öffentlich gelesen. „In einigen fundamentalistischen Gemeinschaften fühlen sich die Leiter durch Gott berufen, verlangen absoluten Gehorsam und unermüdlichen Einsatz.“ (MG 9). Das mit dem absoluten Gehorsam ist natürlich falsch, wo es geschieht, aber kann man das nicht auch vom Papst oder anderen Kirchenführern sagen, wenn man ihn missverstehen will? Göttlich berufen fühlt sich auch der Dalai Lama und manch anderer nichtchristlicher religiöser Führer. Und dann ist sogar ‚unermüdlicher Einsatz’ falsch? Ohne den gäbe es ja auch keine freiwillige Feuerwehr! Im Übrigen ist unermüdlicher Einsatz nun einmal häufig die Folge einer Religion oder Weltanschauung. Das ist typisch menschlich und gut, nicht aber typisch evangelikal.

Feindbild „strenge Lebensregeln“

„Evangelikale leiten außerdem strenge Lebensregeln aus der Bibel ab. Wer dagegen verstößt, sündigt aus ihrer Sicht.“ (MG 14) Also wollen wir jetzt alle im Land verbieten, die aus irgendetwas „strenge“ Lebensregeln ableiten? Also auch buddhistische Mönche, praktizierende Muslime, aber auch Vegetarier und Astrologen? Und beurteilt wird das danach, was Journalisten jeweils für ‚streng‘ halten? Die Religionssoziologie hat oft aufgezeigt, dass „strenge Lebensregeln“ das sind, was eine Religionsgemeinschaft aufrecht- und zusammenhält. Inwieweit die Regeln jeweils als „streng“ angesehen werden, ist dabei natürlich Ansichtssache. So empfinde ich buddhistische Mönchsregeln als viel strenger als meine christlichen, aber umgekehrt ist das natürlich genauso. Die Verfasser des Buches scheinen aber zu meinen, dass Lebensregeln an sich immer schon ‚streng‘ sind und der wahre moderne Mensch am besten gar keine mehr hat, zumindest nur solche, die er ständig ändert. Gleichzeitig stellen sie aber jede Menge Regeln auf, denen Evangelikale folgen sollen, andernfalls der Staat eingreifen müsse.

Im Übrigen: Wenn man schon von Strenge redet, hätte man auf eines der zentralsten Prinzipien der Evangelikalen zu sprechen kommen müssen, die Freiwilligkeit! Wenn es eines gibt, was die Evangelikalen weltweit immer wieder betonen, dann, dass Glaube eine völlig freiwillige Angelegenheit ist und Gott keine Enkelkinder hat, dass der Glaube zwar Kindern gelehrt werden, aber nicht übergestülpt werden kann. Nur wenn sie selbst persönlich an Gott glauben, handelt es sich auch bei Menschen, die in christlichen Familie aufgewachsen sind, um wahren Glauben. Die evangelikalen Freikirchen etwa praktizieren doch die Großtaufe, um sicherzugehen, dass ihre Kinder freiwillig im entscheidungsfähigen Alter zur Gemeinde kommen, nicht automatisch. Den Pietisten war die Konfirmation immer sehr wichtig, damit auch die als Kind getauften Jugendlichen eine eigenständige Entscheidung fällen können. Warum gibt es denn die von den Autoren so gerügte liturgische Vielfalt – vielleicht sogar Beliebigkeit – im Gegensatz zu den Großkirchen? Weil in jeder Gemeinde alle neu mitreden können, wie hier und heute Gottesdienst gefeiert wird, ja es einen Gemeindetourismus gibt, weil sich jeder die Gemeindefrömmigkeit sucht, die ihm gefällt und ihm das niemand vorschreiben kann – mit allen Vor- und Nachteilen.

Der Fundamentalismus ist angeblich die Antwort auf die „Individualisierung“ (MG 1). Und das soll auf die Evangelikalen zutreffen, der mit Abstand individualistischsten Bewegung der Christenheit, in der jeder Einzelne ein kleiner Papst zu sein scheint und niemand auf niemanden hört? Es sind doch die Autoren, die sowohl einer kirchlichen Gleichmacherei das Wort reden, als auch Leute zwingen wollen, nicht individualistisch zu leben und zu denken, sondern so zu leben und zu denken, wie sie es gutheißen und vorschreiben.

Die Logik des Ganzen: Kontrollieren, Beschränken, Verhindern oder: wie man seine evangelikalen Gegner schachmatt setzt

Damit sind wir bei einem zentralen Dauerbrenner des Buches: Kontrollieren, Beschränken, Verhindern. Die Autoren sprechen nie direkt von Verbieten. Aber worauf anderes läuft es hinaus, wenn sie verhindern wollen, dass je wieder ein freikirchlicher Gottesdienst im staatlichen Fernsehen übertragen wird? Öffentliche Auftritte der Evangelikalen sollten verhindert werden, wenn immer der Staat eine Möglichkeit dazu hat – etwa als Vermieter. Politiker sollten nicht bei evangelikalen Veranstaltungen auftreten. Ihre Privatschulen sollten noch stärker kontrolliert werden – obwohl immer wieder die Stellungnahmen der Kultusministerien und Schulämter zitiert werden, die Schulen hielten sich an die gesetzlichen Vorgaben und Deutschland die strengste Privatschulkontrolle eines freien Landes kennt. Steuergelder für evangelikale Institutionen sollten gestrichen werden, die Gemeinnützigkeit ihrer Organisationen in Frage gestellt werden. Die Evangelikalen sollten keine Bücher an Bundestagsabgeordnete verteilen und religiöse Sendungen im Privatfernsehen sollten besser nicht stattfinden. Der Hauptvorwurf gegen die Evangelikalen, sie seien intolerant und undemokratisch, wird durch diese Forderungen ad absurdum geführt. Zum Glück wird die Religionsfreiheit verhindern, dass diese Forderungen und Wünsche alle wahr werden.

Aber die Marschrichtung der Autoren ist klar: Meinungsverschiedenheiten löst man, indem man die anderen mit Hilfe des Staates kontrollieren und beschränken lässt und dafür sorgt, dass sie sich nicht beliebig öffentlich äußern können. Was soll denn nur mit all den Evangelikalen geschehen? Das Buch redet durchgängig so abfällig über die Evangelikalen, dass man sich fragt: Soll ihnen das Wahlrecht entzogen werden? Soll ihnen der Zugang zu den Medien verboten werden? Sollen sie auswandern? Für mich wirkt das ganze Buch über weite Strecken so, als wenn man eine unliebsame Gruppe, deren gesellschaftliches Engagement man ablehnt, undemokratisch vom Markt werfen will. Haben die 1,4 Millionen Evangelikale denn kein Recht, wie alle anderen auch friedlich in der Demokratie ihre Stimme zu erheben? Evangelikale sollen keinerlei staatliche Zuwendungen aus Steuergeldern mehr erhalten (MG 198) – was nebenbei sowieso selten der Fall ist. (Sollen die Evangelikalen denn dann auch keine Steuern mehr zahlen?)

Die Behörden sollen endlich gegen Heimunterricht schärfer vorgehen (MG 198-199), also noch schärfer, als es die staatlichen Gerichte zulassen? Und dass, wo Deutschland dass schärfste Schulpflichtgesetz eines freien Landes weltweit hat? Dass in Deutschland mindestens die Hälfte der Homeschooler nichtreligiöse Motive haben, dass es eine linksgerichtete Unschoolingbewegung gibt, dass mehrere Erziehungswissenschaftler an deutschen Universitäten Homeschooling unter staatlicher Kontrolle prinzipiell für gleichwertig und in bestimmten Fällen – etwa für Hochbegabte – sogar für empfehlenswert halten, wird verschwiegen, ebenso, dass die Masse der Evangelikalen die Homeschooler ablehnen und es darüber eine heftige innerevangelikale Diskussion gibt.

Die Autoren diskutieren ernsthaft, ob sich das Verbot religiöser Werbung in Rundfunk und Fernsehen nicht auch auf Sendungen bezieht, die man als Missionierung Andersgläubiger verstehen könnte (MG 181). Da sie gleich noch die steigende Zahl „bibeltreuer Internetseiten“ erwähnen (als wenn nicht die Zahl der Internetseiten aller Gruppen, die sich im Web tummeln, stiege), dürften sie das wohl auch einschränken wollen. Da die Autoren gleich anschließend gegen die Ausstrahlung eines freikirchlichen Gottesdienstes im ZDF wettern (MG 182-185), dürfte ihr Anliegen klar sein. Jedenfalls fehlt jedes Bekenntnis, dass Evangelikale dasselbe Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit haben, wie alle anderen auch. Denn es sollte selbst dann eingeschritten werden, wenn die zuständige Medienaufsicht (MG 181) keine rechtliche Handhabe sieht!Dass die Autoren keinerlei Ahnung davon haben, welche grundgesetzlichen Rechte Privatschulen haben, aber auch wie engmaschig jetzt schon Privatschulen überprüft werden, ja dass Landesverfassungsgerichte immer wieder den Privatschulen gegen die Behörden Recht geben, wird immer wieder deutlich. Dass die Autoren prinzipiell mit Privatschulen auf Kriegsfuß stehen, beweisen ihre negativen Äußerungen über die 3.000 allgemeinbildenden Privatschulen mit 700.000 Schülern (MG 103), da diese nach einer Aussage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (die an Privatschulen kaum Einfluss hat und hier eher als Lobbygruppe einzuordnen ist) praktisch unkontrollierbar seien. Respekt vor Verfassung und freiheitlicher Gesellschaft wird hier nicht formuliert – der Ruf nach einer Verschärfung der Einschränkungen durch den Staat hat immer Vorrang.

In unserem Land geltende Menschenrechte und Rechte, die gefährdet wären, wenn umgesetzt würde, was die Autoren wünschen:
- Religionsfreiheit:
Leben nach den Grundsätzen der eigenen Religion (solange anderen dasselbe gestattet wird)
- Religionsfreiheit: Recht auf Religionswechsel und Recht auf öffentliche Darstellung des Glaubens und Mission
- Religion im öffentlichen Raum: Im Gegensatz etwa zu Frankreich ist es in Deutschland gewollt, dass Kirche/Religion und Staat sich zwar nicht gegenseitig beherrschen, aber im öffentlichen Raum begegnen, weswegen es etwa Religionsunterricht, Militärseelsorge, Kirche im Rundfunk usw. gibt.
- Schutz von Minderheiten und Schutz religiöser Minderheiten vor staatlichen Eingriffen und Druck vorherrschender Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen Gewissensfreiheit: Bestimmte ethische Positionen sollen nicht mehr publik gemacht, ja vermutlich nicht einmal gedacht werden dürfen
- Meinungsfreiheit: Bestimmte ethische Positionen sollen nicht mehr öffentlich geäußert werden
- Pressefreiheit: Sowohl eigene Medien als auch Zugang zu anderen Medien sollten bestimmten religiösen Gruppen unmöglich sein.
- Grundgesetzliches Recht auf Privatschulen: Die Privatschulen sollen – womöglich über das gegenwärtig angewandte Recht hinaus - kontrolliert und zur Anpassung gezwungen werden
- Grundgesetzliches Recht auf weltanschaulich geprägte Privatschulen: In Privatschulen soll auch dann keine Weltanschauung mehr vermittelt werden dürfen, wenn der staatlich vorgeschriebene Stoff ordentlich gelehrt und dies durch anerkannte Prüfungen (z. B. Abitur) gewährleistet wird
- Menschenrechtscharta der EU: Recht der Eltern auf religiöse Erziehung der Kinder Interessant ist, dass die Autoren eine lange Liste von kirchlichen und staatlichen Autoritäten und Institutionen anführen, die nicht bereit waren, ihre Sicht der Dinge zu bestätigen, Kultusminister, Bundesminister, Abgeordnete oder Ansprechpartner der EKD.

Statt sich zu fragen, wie das denn kommt, bestärkt das die Autoren nur darin, vor den Evangelikalen zu warnen. Außerdem berufen sie sich fortlaufend auf immer wieder dieselben landeskirchlichen Weltanschauungsbeauftragten, vor allem auf Hansjörg Hemminger (14 x), der aber in seinen Veröffentlichungen durchaus differenzierter schreibt. Dass Vertreter wie die öfter zitierten Annette Kick und Reinhard Hempelmann (z. B. Materialdienst der EZW 71 [2008] 7, S. 243-244) zwar tatsächlich fundamentalistische Strömungen innerhalb der Evangelikalen kritisieren, beide aber der Meinung sind, dass der weitaus größere Teil der Evangelikalen in Deutschland keine Fundamentalisten sind, erfährt der Leser nirgends. Die These der Autoren, dass Evangelikale mutwillig Gesetze brechen würden, wird von dafür zuständigen Behörden nicht geteilt. Könnte das nicht daran liegen, dass sie die Gesetze eben nicht brechen? Jedenfalls ist die Marschrichtung der Autoren eindeutig: Gesetze und Überwachung müssen verschärft werden. Die Autoren treten ganz eindeutig für eine Kriminalisierung des Evangelikalseins ein. Sieht so die demokratische Toleranz aus, die die Autoren von Evangelikalen einfordern? Bitte lasst uns doch friedlich in diesem Land zusammen leben, statt einen Kulturkrieg zu entfachen.

Ich möchte versöhnlich schließen. Die Evangelikalen sind bereit, mit Andersdenkenden und Andersglaubenden in unserer deutschen Demokratie friedlich zusammenzuleben und gemeinsam mit allen innerhalb und außerhalb der Politik am Aufbau einer gerechten und friedlichen Gesellschaft mitzuwirken, so wie sie das in vielen anderen Ländern der Erde auch tun und wie sie es seit Jahrzehnten unter Beweis stellen. Deswegen suchen wir das Gespräch und den Dialog mit allen, auch denen, die uns nicht verstehen. Wir strecken auch den Autoren dieses Buches die Hand entgegen und hoffen, dass der beschrittene Weg in einen friedlicheren umgewandelt werden kann.

Wir Evangelikalen leben seit Jahrzehnten in diesem Land mit Millionen Menschen völlig friedlich zusammen und diese Millionen leben friedlich mit uns zusammen. Bitte helfen Sie mit, dass dies so bleibt und kein hasserfülltes Klima gegen uns oder irgendeine andere Gruppe entsteht.Nur bitten wir auch alle, Verständnis dafür zu haben, dass wir von unserer Freiheit Gebrauch machen, Desinformationen aus unserer Sicht klarzustellen und angesichts der undemokratischen Beschränkungswünsche des Buches ‚Mission Gottesreich‘ davor zu warnen, dass solch ein von uns als politischer Fundamentalismus empfundene Beschränkung unserer Religions-, Presse- und Meinungsfreiheit auch gleichbedeutend die Beschränkung vieler anderer Gruppen bedeuten würde, die dem einen oder anderen Journalisten nicht gefallen.

Nachtrag: Die taz macht der Bundeszentrale für politische Bildung schwerwiegende Vorwürfe, weil diese in ‚Aus Politik und Zeitgeschichte‘, der Beilage der Bundestagszeitung ‚Das Parlament‘, einen Artikel von mir abgedruckt hat (Wolf Schmidt. „Wiedergutmachung für Hardliner“. taz.de 2.4.2009). Die Kritik der taz belegt meine Warnung oben, dass es eigentlich nicht gegen die Evangelikalen, sondern gegen die Christen überhaupt geht. Denn der Bundeszentrale wird das ganze Heft „Christen in der Demokratie“ vorgeworfen und kritisch auch vermerkt, dass sonst „normalerweise ... Historiker, Politikwissenschaftler oder Journalisten“ schreiben, diesmal aber neben mir Robert Zollitsch, Vorsitzender der Bischofskonferenz, und Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der EKD, das Ganze unter der Überschrift „Wiedergutmachung für Hardliner“. Also wirft es „ein ungünstiges Licht“ auf die Bundeszentrale, dass kirchliche Spitzenvertreter dort schreiben. Verschwiegen wird natürlich, dass praktisch alle Autoren ehemalige oder gegenwärtige Professoren und ausgewiesene Fachleute sind und dass auch früher schon nicht nur die genannten Berufsgruppen als Autoren zur Verfügung standen, sondern beispielsweise auch muslimische Autoren. Und warum sollten in einer Fachpublikation „Journalisten“ gefragt sein, Theologieprofessoren aber nicht?

Noch deutlicher werden weitere Reaktionen auf das Heft „Christen in der Demokratie“. Im brightsblog.wordpress.com stellt sich bei ‚nickpol‘ „Übelkeit“ ein, insbesondere wegen der Beiträge von Zollitsch, Huber und des katholischen Sozialethikers Prof. Bernhard Sutor. Von Bischof Huber wird ein Satz zitiert und dann gesagt: „Der Rest ist evangelikales Geschwafel“. Also, da gilt Huber schon als evangelikal, weil er überhaupt irgendwelche christlichen Standpunkte vertritt, und gehört in staatlichen Publikationen verhindert!

Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher ist Direktor des Internationalen Instituts für Menschenrechte der Weltweiten Evangelischen Allianz und deren Sprecher für Menschenrechte. Er lehrt Ethik am Martin Bucer Seminar und Religionssoziologie an der Staatlichen Universität Oradea. Zuletzt erschien sein Buch gegen ‚Rassismus’.

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