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Gemäßigte Bibelkritik im Herzen des Pietismus

Für Dr. Christoph Morgner, den Präses des Ev. Gnadau- er Gemeinschaftsverbandes (Vereinigung landeskirchlicher Gemeinschaften in Deutschland), war es sein letzter „Theologischer Bericht des Präses", den er vorzulegen hatte. Auf der Mitgliederversammlung Anfang Februar in Schwäbisch Gemünd wurde nämlich Morgners Nachfolger gewählt: der 46-jährige Pfälzer Pfarrer Dr. Michael Diener. Morgner geht im Herbst in den Ruhestand. Diener wird in Zukunft in seinem Präses-Bericht über den inneren Zustand und den Kurs der Gemeinschaftsbewegung berichten. Besonders interessant im letzten PräsesBericht von Morgner dürfte für viele Gemeinschaftler die „Bibelfrage" sein. Wie beurteilt die Führung von „Gnadau" die Stellung der Bibel?

Dazu machte Morgner im Abschnitt „... indem wir eine Bibelbewegung sind und bleiben" seines Berichtes aufschlussreiche Aussagen.

Für den Pietismus wirbt er mit Nachdruck für einen Kurs zwischen liberalem und fundamentalistischem Bibelverständnis. Vertrauensvoll solle die Wahrheit der Bibel fröhlich bezeugt werden, doch „Wahrheit" bedeutet für Morgner ausdrücklich nicht, dass die Heilige Schrift absolut zuverlässig und fehlerfrei, widerspruchslos und irrtumslos ist. Bewusst gegen das Selbstzeugnis des Wortes Gottes formuliert er: „Die Bibel ist uns nicht das Buch der tausend Richtigkeiten, sondern das Buch der Wahrheit." Ihre Unfehlbarkeit bestehe lediglich darin, dass sie uns „zielgerichtet zum Unfehlbaren, zu Gott" führe. Auf jeder Ebene seiner Ausführungen wird deutlich, dass er den schon klassischen Weg der Kompromisse einer sogenannten „gemäßigten Bibelkritik" gehen möchte: ein Ja zum Evangelium vom Heil in Jesus Christus, aber ein stark eingeschränktes Ja zur Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift. Letztere enthalte so manchen Fehler und Widerspruch, weshalb Morgner sich direkt ablehnend zum Buch „Fehler in der Bibel?" von Pfarrer Wilhelm Gottwaldt äußert. In diesem Buch aus dem Jahr 1 973 (Telos / Liebenzeller Mission) versucht Gottwaldt, Bedenken und Anfragen zu angeblichen Fehlern in der Bibel mit Erklärungen zu begegnen. In Anlehnung an Dr. Heinzpeter Hempelmann, den ehemaligen Direktor des Theologischen Seminars der Liebenzeller Mission und entschiedenen Gegner der „Chicago-Erklärung zur Irr- tumslosigkeit der Bibel" (1978), wiederholt Morgner dessen Behauptung, wer die Irrtums- losigkeit der Heiligen Schrift bezeuge, stehe außerhalb der Schrift und argumentiere rationalistisch, also vernunftmäßig. Laut Morgner sei dies die Basis des christlichen Fundamentalismus. Diesen Vernunft-Glauben könne man „zugespitzt gesagt" auch als „Bibelkritik von rechts" bezeichnen, so der „Gnadau"-Präses.

Sachlich und historisch ist diese Behauptung absurd und die Behauptung „Bibelkritik von rechts" ungeheuerlich: Wer die volle Vertrauenswürdigkeit der Heiligen Schrift lehrt, der argumentiert primär und sekundär, also auf allen Ebenen, mit dem Wort Gottes Alten und Neuen Testaments. Er stellt sich unter die Bibel und erhebt sich nicht über das Wort Gottes. Wenn Morgner dem offenbarten und inspirierten Wort Gottes Fehler und Ungereimtheiten zuspricht, dann niemals aufgrund von Schriftworten, sondern — ebenso wie Hempelmann es macht — mittels einer außerbiblischen Selbstüberheblichkeit, die nicht mehr in Bezug auf jede Aussage der Heiligen Schrift demütig sagen will: „Es steht geschrieben!" Hatten Kirchenväter wie Augustinus oder Reformatoren wie Martin Luther noch ein ungebrochenes Verhältnis zur Bibel als dem irrtumslosen Wort Gottes, so hat der Pietismus diese Grundhaltung ausdrücklich über Bord geworfen. Damit vertritt auch Morgner eine Bibelhaltung, die weder die von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, ist, noch die der Apostel und Propheten.

Der Weg des Pietismus ist nicht „der goldene Mittelweg" zwischen dem Liberalismus der historisch-kritischen Methode und dem Fundamentalismus, der an der Irrtumslosigkeit des Wortes Gottes festhält. Eine Bibel, die ab und an fehlerhafte oder widersprüchliche Aussagen enthalten soll, wird somit dem Verstand des Lesenden und Hörenden unterworfen, der jeweils aus sich selbst heraus feststellen muss, was ihm denn nun glaubwürdig erscheint und was nicht verlässlich ist. Der Unterschied zwischen radikal-liberaler und gemäßigter Bibelkritik besteht lediglich im Umfang der Kritik: Beide erheben sich über das Wort Gottes und machen Abstriche vom Inhalt!

Morgner befürchtet, dass man im christlichen Fundamentalismus eine „Schwerpunktverlagerung von der Mitte des christlichen Glaubens — Jesus Christus — hin zur Bibel" vornehmen würde. Morgner in seinem Präses-Bericht: „Die Bibel wird unter der Hand zum Glaubens- und Heilsgegenstand, zum Ziel der Verehrung. Die Hoffnung des Glaubenden richtet sich auf ein Buch ... Doch hier begibt sich der Glaube auf ein falsches Fundament. Dieses heißt ausschließlich Jesus Christus (1. Kor. 3,1 1)." Doch ist ein solches Ausspielen dieser beiden Schwerpunkte des Glaubens überhaupt zulässig? Morgner unterteilt und will neben Christus keinen anderen Mittelpunkt gelten lassen und drängt dadurch die Bibel an den Rand. Ist ein solches Argumentieren nicht schon rein methodisch aberwitzig?

Die Bibel ist ein Nebeneinander von geschriebenem Wort Gottes (= Bibel) und dem fleischgewordenen Wort Gottes (= Jesus). Das Neue Testament spricht mit demselben griechischen Wort für „glauben" vom Glauben an Jesus und vom Glauben an die Zuverlässigkeit des Alten Testamentes. Was wir von und über Jesus wissen, haben wir aus der Bibel. So rufen uns die Apostel auf, am Wort Gottes, an der Lehre Christi, festzuhalten und Paulus bekennt in Bezug auf das AT, er glaube „allem", was dort geschrieben steht (Apg. 24,14). Durch die Jahrhunderte hindurch haben an Jesus Christus Glaubende ebenso am Geheimnis der Inspiration festgehalten, wie demütig hörend die lrrtumslosigkeit der Heiligen Schrift bezeugt. Weniger ist nicht genug, und — auch wenn einzelne Pietisten es nicht gerne hören — weniger ist nicht schriftgemäß, nicht Geistgemäß! Autor des Beitrages ist.

Pfarrer Reinhard Möller (Aesch BL / Schweiz)

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