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Risiken der Krippenbetreuung werden verschwiegen

Die von der christlich-demokratischen Familienministerin Ursula von der Leyen federführend ins Rollen gebrachte Umgestaltung der Familie von einer Schutzzone hin zur ökonomisch nutzbar gemachten Lebensgemeinschaft mit Fremdbetreuung der Kinder in Kindertagesstätten (Kita) hat wieder einmal Rückenwind bekommen.

"Kita macht klug", jubelte die Bertelsmann Stiftung Anfang März. Wer als Kind eine Kindertagesstätte besuche, habe deutlich bessere Bildungschancen. Und nicht nur das: Durch den Krippenausbau steige die Zahl der Gymnasiasten, entstehe ein volkswirtschaftlicher Nutzen von fast 22.000 Euro pro Kind. Dass bei Bertelsmann die entsprechenden Unterrichtsmaterialien für frühkindliche Förderung bereitliegen und ein gutes Geschäft wartet, versteht sich von selbst. ("Wach, neugierig, klug - Kinder unter 3. Ein Medienpaket für Kitas, Tagespflege und Spielgruppen") Risiken und negative Begleiterscheinungen einer frühen Fremdbetreuung werden meist einfach ausgeblendet.

Jetzt aber melden sich immer mehr Psychoanalytiker und -therapeuten warnend zu Wort. Der renommierte Familien- und Kindertherapeut Wolfgang Bergmann, Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover, der in seiner Praxis täglich seelisch kranke Kinder betreut, warf der Familienministerin vor, versagt zu haben, weil sie "zentrale Aspekte wie die Bedürftigkeiten des Kindes und die besondere unersetzliche Bedeutung der Eltern" nicht in die Diskussion stelle. Bergmanns drastisches Fazit im Nachrichtenmagazin Focus: "Unsere Kultur schert sich einen Teufel um die Seelen von Kindern."

Auch Ann Kathrin Scheerer, Diplompsychologin und Psychoanalytikerin in Hamburg, befasst sich schon seit Jahren mit der Fremdbetreuung im frühen Kindesalter und deren Auswirkungen auf Kinder und Eltern. "Das Besondere an der gegenwärtigen politischen Richtungsentscheidung ist, dass das für die Kinder und für die Mutter-Kind-Beziehung potenziell schädliche und Schädigende an Krippen- und Tagesmutterbetreuungen kaum thematisiert wird."

Dass auf die Betreuung eines Babys in einer Krippe — z. B. aus finanziellen Gründen oder weil die Familiensituation anderes nicht zulässt — oft nicht verzichtet werden kann, ist der Psychoanalytikerin völlig klar. „Es liegt mir fern, pauschale Kritik zu üben, wo vielleicht ein Krippenangebot in Einzelfallentscheidungen als Gewinn für alle angesehen werden muss", sagte sie in einem Interview mit der Tageszeitung taz. Frau Scheerer weist bewusst deutlich darauf hin, dass „die Funktion der Krippe die Trennung von Müttern und Kindern ist" — und zwar gerade in dem hoch sensiblen Lebensalter zwischen 0 und 3 Jahren, in dem die Bindung des Kindes an seine Bezugspersonen von größter Wichtigkeit ist.

Die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung erklärt das in ihrer "Stellungnahme zum Krippenausbau in Deutschland" so: "Es ist Forschungs- und Erfahrungswissen (und keine Ideologie), dass für die Entwicklung des kindlichen Sicherheitsgefühls, für die Entfaltung der Persönlichkeit und für die seelische Gesundheit eine verlässliche Beziehung zu den Eltern am förderlichsten ist—emotionale und zeitliche Verfügbarkeit von Mutter und Vater sind dafür von großer Bedeutung" — und für die Entwicklung des Urvertrauens. Mutter und Kind, so Scheerer, bilden in dieser Zeit eine voneinander abhängige Einheit. Das Gehirn eines zehnmonatigen Säuglings etwa spiegelt die Empfindungen der Mutter wider. Jede Trennung von ihr ist ein Stressfaktor. Wenn ein Baby seine Mutter nicht sieht, kann es von ihr kein inneres Bild aufrechterhalten, es kann sich also noch nicht an sie „erinnern". Die Mutter, schlussfolgert es, "ist für immer weg". Die Psychoanalytische Vereinigung schildert in ihrer Stellungnahme, wie erschütternd Trennungen von dem Kleinkind wahrgenommen werden: „Wenn die Trennung von den Eltern nicht durch ausreichend lange Übergangs- und Eingewöhnungsphasen vorbereitet wird, kann sie vom Kind als innerseelische Katastrophe erlebt werden. An der kindlichen Reaktion auf die Trennung — zum Beispiel verzweifeltes Weinen, anhaltendes Schreien oder schließlich resigniertes Verstummen (also die Ergebung in sein Schicksal, Red.) — kann man eine seelische Überforderung erkennen, die dann besondere Zuwendung und Verständnis braucht, um nicht zu einer innerseelischen Katastrophe zu werden." Und jeder Krippen- oder Betreuungswechsel bedeutet für das Kind eine erneute Erfahrung von Bindungsverlust, erneuten Stress und Trauer. Doch wer kann einer Erzieherin verbieten, ihren Job zu wechseln? Wer stellt sicher, dass Kleinkindgruppen nicht größer sind als vier Kinder, damit für jedes Baby genug Zeit bleibt, auch auf seine Trost- und Kuschelbedürfnisse einzugehen? "Die Eltern müssen sich bewusst sein, dass ihr Kind eine seelische Aufgabe bewältigen muss", schreibt Frau Scheerer. Und auch die beste Frühförderung kann von einem Kind überhaupt erst dann aufgenommen werden, wenn der Trennungsschmerz bewältigt ist. Sozialer Rückzug, innere Unruhe, Aufmerksamkeitsstörungen und Konzentrationsdefizite sind die Folgen für ein Kind, das keine sicheren Bindungen eingehen konnte. "Kleinkinder brauchen exklusive (ausschließliche, Red.) Beziehungen. Deshalb sind wir Psychoanalytiker sehr skeptisch, was Kinderkrippen angeht", so Ann Kathrin Scheerer. Und hat sie nicht recht, wenn sie findet: "Bei einer Lebenserwartung von rund 80 Jahren sind drei Jahre für das Kind nicht zu lang. Mutter und Kind sollte diese Zeit gegönnt werden." Für die Zeit danach möchte Frau von der Leyen die Kindergartenpflicht einführen. Bis zur Krippenpflicht ist es dann ja auch nicht mehr weit.

Ursula von der Leyen ist Gynäkologin. Die beschriebene Problematik ist ihr daher gewiss bekannt. Dennoch stellt sie die Früherziehung durch Zwangsregelungen etwa finanzieller Art total um — den Eltern bleibt oft nichts anderes übrig, als ihre Kinder der staatlichen Erziehung zu überlassen. Für Wolfgang Bergmann ist es „auffällig, daß alle totalitären Systeme ihre Hand gerne nach den Kindern ausstrecken und darauf achten, daß eine frühe Trennung dazu führt, daß Kinder unsicher werden und demzufolge später eine besondere emotionale Unselbstständigkeit und Anlehnungsbedürftigkeit entwickeln, die sich diese Systeme zunutze machen." Solche Kinder sind viel besser zu lenken als Kinder mit stabilen Bindungen, etwa durch staatliche Propaganda oder als Konsumenten. Genau dahin steuert die Ministerin eine ganze Generation, unterstützt durch Unternehmen und Institutionen, die unser ganzes Leben vollständig wirtschaftlich verwertbar gestalten wollen. (topic)

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