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100 Jahre "Berliner Erklärung"

Mit der „Berliner Erklärung", distanzierten sich vor 100 Jahren führende Pietisten von der aufkommenden Pfingstbewegung.

Es liegt schon etwas Gespenstiges in der Luft, als sich die Männer und die junge Frau in einem Zimmer treffen. Es ist Ende August 1909, und in Bad Blankenburg trifft man sich zur alljährlichen Allianz Konferenz. Die Konferenz steht ganz unter dem Eindruck der aufkommenden Pfingst-Bewegung in Deutschland und der Auseinandersetzung mit ihr. In Bad Blankenburg will man nun klären, ob die Pfingst-Bewegung wirklich von Gott oder von Satan gesteuert wurde. Eine wichtige Figur in der aufbrechenden Pfingst-Bewegung in Deutschland ist die 20-jährige Prophetin Dora Lenk. Sie wird als Vermittlerin von "Gottesbotschaften" durch Gemeinden und Konferenzen gereicht. Sie ist auch in Bad Blankenburg anwesend. An jenem Sommerabend beschließen nun Anhänger wie Gegner der Pfingst-Bewegung — derzeit noch friedlich vereint —, den Pfingst-Geist zu prüfen, ob er wirklich von Gott sei. Man begibt sich mit Dora Lenk in das Zimmer des Predigers Eugen Edel, Schriftleiter der Pfingst-Zeitschrift Pfingstgrüße. Anwesend bei der Prüfung sind verschiedene Prediger und bekannte Evangelisten. Die versammelten Brüder beginnen zu beten und bitten Gott aufgrund von 1. Joh. 4,1-3 zu offenbaren, ob der Geist der neuen Bewegung der Heilige Geist ist oder nicht. Der Geist in Dora Lenk soll klar bekennen, ob Jesus der ins Fleisch gekommene Heiland ist. Dora Lenk macht über Jesus große Aussagen, doch um die Beantwortung der eigentlichen Frage windet sie sich. Endlich wird es Johannes Urban — aufgrund seiner Geistestaufe und der "Gabe" der Zungenrede Anhänger der Pfingst-Bewegung — zu bunt und er betet: „Herr, wenn es ein Irrgeist ist, dann lass diesen Geist verstummen, überhaupt nicht mehr reden dürfen." Die Stimme von Dora Lenk verstummt sofort und vollständig. Die versammelten Brüder sind erschüttert. Am nächsten Tag beschimpft der Geist in Dora Lenk die Prüfenden als "Feinde" oder "Füchse", „Wölfe" oder „Schlangen". Aufgrund der Art und Weise der Geistesäußerungen sagt sich Urban noch in Bad Blankenburg von der Pfingst-Bewegung los. Dabei geschieht etwas Merkwürdiges. Urban litt seit seiner Geistes-taufe unter Schwermut, die sofort verfliegt, als er mit dem Pfingst-Geist nichts mehr zu tun haben will. Dieses Ereignis und etliche andere bahnten den Weg zur „Berliner Erklärung" von 1909. Doch wie konnte es dazu kommen, dass der PfingstGeist in der zum Teil blühenden Bewegung der pietistischen ev. Gemeinschaften, zusammengefasst im Gnadauer-Gemein schaftsverband, einbrechen konnte?

Dazu hat jetzt der Diplom-Religionspädagoge und Prediger in der Ev. Stadtmission Neustadt an der Weinstraße, Rainer Wagner, ein hervorragendes Buch vorgelegt, das die geistliche Entwicklung von damals, aber auch bis heute sehr kenntnisreich nachzeichnet. Es heißt "Auf der Suche nach Erweckung" und ist in der „Edition Bibelbund" bei der Christlichen Verlagsgesellschaft in Dillenburg als Taschenbuch erschienen (160 Seiten, Preis 7,90 Euro, Bestelltelefon 02771 / 8302-0).

Der ehemalige Gnadauer Präses Walter Michaelis (1866-1953) beschrieb die Stimmung jener Jahre so: „Innerhalb der Gemeinschafts-Bewegung war zu jener Zeit in vielen Kreisen ein starkes Sehnen nach großen Erweckungen, nach vertieftem Heiligungsleben, nach Geistestaufe ..." Dies drückte sich auch in der Lehre vom „reinen Herzen" aus, die vom späteren Führer der deutschen Pfingst-Bewegung, Pastor Jonathan Paul (1853-1931), landauf, landab verkündigt wurde. Paul schrieb 1904: „Die Erlösung muss so völlig sein, dass man vor Gott wieder da steht wie der erste Adam vor dem Fall." Wie Wagner ausführt, gab es dazu noch eine wenig bekannte „stille Heiligungsbewegung" in den Gemeinschafts-Kreisen, die kirchengeschichtlich selten erwähnt wird. Die ersten Boten der Pfingst-Bewegung, die aus den USA kommend über Norwegen in Deutschland eintrafen, fanden somit einen vorbereiteten geistlichen Boden vor. Viele Gläubige wollten sich in neue geistliche Höhen schwingen und waren deshalb bereit, sich einem besonderen Wirken des Heiligen Geistes auszusetzen.

Doch was dann geschah, schockierte zunächst einmal die Öffentlichkeit.

Am 7. Juli 1907 begann im Saal des Kasseler Blaukreuz-Hauses eine Veranstaltungsreihe mit den zwei norwegischen Prophetinnen, die den Pfingstgeist zuvor nach Hamburg gebracht hatten — der ersten Station auf deutschem Boden. Anfangs nahm die Versammlung einen ruhigen Verlauf, doch dann geriet sie außer Kontrolle. Es kam zu tumultartigen Szenen: Gesänge, Sündenbekenntnisse, Bußreden mengten sich mit un-artikuliertem Stammeln, Schreien, Stöhnen, Seufzen, Weinen, lautem Händeklatschen und Wiehern. Man sah krampfhaft verzerrte wilde Mienen, die Gebärden Rasender, ferner Menschen, die halb ohnmächtig zu Boden sanken oder rücklings zu Boden geworfen wurden, die wild um sich schlugen, halb bewusstlos. Bald wurde die Veranstaltung zum Ärgernis in der Stadt, und die Polizei griff ein. Doch nicht nur in Kassel ereigneten sich solche Vorfälle. Überall dort, wo der Pfingst-Geist einzog, kam es zu ähnlichem Getümmel wie in Kassel.

Schon bald gab es erste kritische Wortmeldungen auch aus der Gemeinschafts-Bewegung und den Kreisen der Freien ev. Gemeinden. Selbst der Organisator der Veranstaltung in Kassel, der von Pfingstlern in Hamburg geistgetaufte Evangelist Heinrich Dallmayer, sagte sich schon im Oktober 1906 wieder von der PfingstBewegung los. Er erklärte: „Durch die Barmherzigkeit Gottes bin ich nach mehrwöchigen inneren Kämpfen zu der Erkenntnis gekommen, dass der treibende Geist in der Los-Angeles-Bewegung [die Pfingst-Bewegung startete 1906 in Los Angeles] nicht der Geist Gottes, sondern ein Lügengeist ist." Auch einer der führenden Pfingstler der ersten Stunde, ein weiterer Schriftleiter der „Pfingstgrüße" Pastor Regehly, schrieb: „Was wir als Geistesgaben begrüßten, ist zu 99 Prozent nichts anderes als eine natürliche Äußerung rein menschlichen Seelenlebens und darum allen menschlichen Irrtümern ausgesetzt, meistens sogar krankhaft und krankmachend ... Ich kann nicht mehr verhehlen, wir sind auf einen Holzweg geraten, von dem wir alle so schnell wie möglich herunter müssen, wenn wir nicht noch mehr Schaden nehmen wollen."

Obwohl die Führer der Gemeinschafts-Bewegung schnell feststellten, dass die Pfingst-Bewegung viele Gemeinschaften spaltete und ihnen schadete, entschieden sie etwas, was sich im Nachhinein als verhängnisvoller Fehler herausstellte. Um die Einheit in der Gemeinschafts-Bewegung zu sichern, vereinbarten nüchterne Gemeinschafts-Vertreter und pfingstlerisch Veränderte, sich nicht gegenseitig zu kritisieren. Die Folge: Die Pfingst-Bewegung konnte sich ungestört ausbreiten und sich organisatorisch festigen.

Doch dann schritt der General a. D. und Evangelist Georg von Viebahn ein. Er konnte nicht mehr mit ansehen, wie viele Gemeinschaftler in diese „unheilvolle Bewegung" hineingezogen wurden. Es kam zu einer Konferenz in Berlin. Nach neunzehnstündigen Beratungen unterzeichneten 56 Teilnehmer am 15. September 1909 die „Berliner Erklärung". Die Hauptaussage der Berliner Erklärung lautet so: „Die sogenannte Pfingst-Bewegung ist nicht von oben [also von Gott], sondern von unten [also von Satan]; sie hat viele Erscheinungen mit dem Spiritismus gemein."

Wer sich die tumultartigen Szenen von 1909 vor Augen führt und die Geschehnisse von heute in charismatischen und pfingstkirchlichen Kreisen betrachtet, wird kaum wesentliche Unterschiede feststellen können. Heute wird in evangelikalen Kreisen gerne die Sicht gepflegt, dass die „Berliner Erklärung" rein historisch zu betrachten sei und heute keine Geltung mehr haben könne. Wagner schreibt dazu: „Aber es ist heute so offensichtlich wie vor 100 Jahren, dass in dieser Bewegung [der pfingstcharismatischen] ,Menschliches und Dämonisches' mitwirken. Sich einer solchen Bewegung auszusetzen oder mit ihr zusammenzuarbeiten, ist eine Gefahr für die Gemeinde. In der ,Berliner Erklärung' wurde dieser Gefahr mutig und biblisch klar begegnet. Wir tun gut daran, die Worte der ,Berliner Erklärung' auch im Blick auf die schwarmgeistige Bewegung unserer Zeit ernst zu nehmen. Vorsicht vor dem Geist, der sich 1909 als Lügengeist entpuppt hat! Er wirkt auch heute noch geistlich zerstörerisch."

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